„Mondblau“ von Fatma Mittler-Solak

„Ihr Traum war über die Jahre zu einem leeren Pustefix-Fläschchen geworden.“ (S. 76)

Dieser Satz verrät schon, dass ein Traum ausgeträumt ist. Ein Traum, der einmal schillernd aufstieg, wie ein luftgefülltes Versprechen ist zerplatzt, nur ein leeres Behältnis ist geblieben.

Fatma Mittler-Solak erzählt in „Mondblau“  von einem Lebensentwurf der sich so nicht erfüllte.

Ayla und Victoria sind Schulfreundinnen, äußerlich so verschieden, wie man es sich nur ausdenken kann. Victoria ist blond, wohlhabend aufgewachsen, ein wenig verwöhnt und kapriziös, ein Schmetterlingswesen auf Abenteuersuche. 

Ayla ist dunkelhaarig, ernst, die einzige Tochter türkischer Gastarbeiter. Ihr Vater hat Physik studiert und fährt in Deutschland Taxi. Seine ganze Hoffnung auf den sozialen Aufstieg ruht auf Ayla, Jura soll sie studieren, strebsam sein, ihn stolz machen. 

Die Eltern behüten sie, und diese Fürsorge wird zu einem Katalog von Verboten. Sogar Tante Hatice liest in Ayla’s Kaffeesatz: „Du musst dich am Hellen orientieren und das Dunkle verscheuchen.“ (S. 37) 

Der Satz klingt wie ein Rat. Im Roman wirkt er wie ein Auftrag, an dem sich Ayla messen lassen muss.

Die Mädchen brauchen einander. Victoria bringt Leichtigkeit, Ayla die Erdung. Ayla, die sehr stolz, und ein wenig von oben herab auf Victorias oberflächliche Seite schaut, hilft ihr beim Lernen und dafür hilft Victoria bei Aylas sozialer Interaktion.

Doch die Symbiose ist ein befristeter Zustand, kein Fundament, und sie löst sich, je älter die beiden werden. 

Rund zwanzig Jahre später treffen wir sie wieder. Sie sind noch befreundet, aber die Unbedarftheit ist fort. Es gibt Geheimnisse zwischen ihnen. Missverstehen statt Vertrauen, Neid statt einem Miteinander, und jede pocht nur noch auf Rücksicht für das eigene Leben, ohne sie zu geben. Die Frage, die der Roman stellt, ist nicht, ob diese Freundschaft endet, sondern wann sie zur Einbahnstraße wurde.

Erzählt wird ausschließlich aus Aylas Perspektive, in Vor- und Rückblenden. Wir belauschen ihre inneren Monologe, sehen die Entwicklung beider Frauen, aber immer durch das Medium von Ayla‘s Figur, deren Wahrnehmung sich zunehmend verdunkelt. 

Mittler-Solak setzt dabei Foreshadowing ein, um die Unausweichlichkeit, der Ereignisse zu betonen. 

Sie lotet ihre Figuren psychologisch genau aus. Ayla ist tief in ihre Herkunft eingebunden, geprägt von türkischen Traditionen und Werten.

Mittler-Solak erzählt von Integration, vom Traum des Dazugehörens und vom sozialen Aufstieg, ohne Aylas Scheitern allein aus ihrer Herkunft abzuleiten. Ganz entzieht sie sich diesem Erklärungsmuster jedoch auch nicht. Hier liegt für mich des Pudels Kern.

Atemlos wird der Roman dort, wo Aylas Dunkelheit in eine selbstzerstörerische, obsessive Phase kippt, herbeigeführt durch eine postnatale Depression. Diese wütet selbstzerstörerisch in ihr und macht vor niemandem Halt. Betroffen wird der Lesende Zeuge ihrer Hilflosigkeit, die niemand auffängt, teils auch, weil sie es nicht zuzulassen vermag..

Das brennt sich ein, ebenso wie der plötzlich aufflammende Hass, der aus Selbstmitleid und Hirngespinsten gespeist wird. Ayla will gesehen, geliebt und geschätzt werden und zerstört doch, was sie halten möchte. 

Mittler-Solak schildert diese Ambivalenz schonungslos, was Ayla nicht zur Sympathieträgerin macht, obwohl man stets Verständnis aufbringen möchte, stößt man sich doch an ihrer oberflächlichen Kleingläubigkeit.

Wer bin ich? Wollte ich hier sein? Bin ich zufrieden oder habe ich versagt? Diese Fragen stellt der Roman und er findet eine ganz eigene Antwort. 

Ein starkes, genau gearbeitetes Buch über Freundschaft, Herkunft und die kleinen Zwischentöne, die man oft auch gern vor sich selbst verbergen möchte.

Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar von der Frankfurter Verlagsanstalt zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.

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