„Ich werde frei sein, du Dreckskerl.“ (S. 25)
Freiheit wird in diesem Roman nicht geschenkt, sondern eher erkämpft.
Ein Club. Ein enges, rotes Kleid. Siebzehn Jahre. Alicia spürt die Blicke der Männer auf der Haut wie etwas Klebriges, sie hasst diesen Ort und hält ihn doch für einen, an dem ihr keine Bestrafung droht. Sie stammt aus gutem Hause: Geld, Personal, alles, was man braucht, nur keine Eltern. Die jetten beruflich um die Welt und lassen eine Tochter zurück, die versorgt ist, aber nicht behütet. Alicia hat die falsche Wahl getroffen, sie hat einem Mann geglaubt, der von Liebe sprach aber etwas völlig anderes meinte.
Nichts hat mehr Sinn. Sie denkt daran, ein Ende zu machen.
Was sich hinter diesem Moment öffnet, ist eine Welt, die Conny Lüscher ohne Beschönigung ausleuchtet: Loverboys ,Prostitution mit Minderjährigen, Kindesmissbrauch, pädophile Netzwerke, die sich im Dark Net organisieren. Die Schweizer Autorin, die seit 2013 Thriller veröffentlicht und ihren Leserinnen gern das Unheimliche in den Nacken setzt, hat in „Stummer Schrei“, ein fünfjähriges Mädchen ins Zentrum des Grauens gestellt, als mögliche Täterin. In „Jessie“ kehrt sie diese Blickrichtung um.
Das Kind ist nicht mehr Ursprung des Bösen, sondern sein Objekt.
Die Tätergalerie, die der Roman aufbietet, kennt keine Zwischentöne. Oliver, schön und von innen verrottet, steht in der Tradition jener Figuren, deren Antlitz die Seele Lügen straft, von Wildes Dorian Gray bis zu Laclos‘ Valmont, der Verführung als Machtinstrument einsetzt.
Neben ihm eine Mutter, die ihre kleine Tochter Männern anbietet, ein Vater, der ein Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom am eigenen Sohn auslebt, ein Pädophiler, der sich einredet, den Kindern gefielen diese Spiele.
Lüscher schattiert diese Figuren nicht. Sie zeigt deren wahres Gesicht.
Anders bei ihrer Heldin, deren moralische Schärfe verliert sich in einigen Untiefen. Unschärfe.
Ist Jessie eine Retterin? Sie durchkämmt das Dark Net, sie ist erfahrene Kampfsportlerin, stellt sich jeder Herausforderung und geht oft ungebremst auf ihr Ziel los.
Eine Art weiblicher Robin Hood, eine Heldin mit Marvel-Zuschnitt, die in eine verkommene Gesellschaft einbricht, um die Gequälten herauszuholen.
Doch Gerechtigkeit allein genügt ihr nicht. Sie übt Selbstjustiz. Die Verwandtschaft zu Stieg Larssons Lisbeth Salander liegt nahe, jener anderen Frau, die mit Tastatur und Fäusten gegen Unrecht vorgeht.
Früher sammelte Jessie leidende und kranke Tiere von der Straße auf und brachte sie nach Hause, um sie zu pflegen. Heute tut sie dies mit Menschen. Doch Menschen sind keine streunenden Katzen. Sie brauchen mehr als Obdach, sie brauchen ein wirkliches Zuhause.
Sie brauchen Zugehörigkeit und Halt, die die andere Jessie ihnen nicht bieten kann, denn sie ist auch selbst zutiefst verletzbar und eingeschlossen in ihrer eigenen Welt. Kann jemand andere retten, der selbst gerettet werden muss?
Der Thriller ist klug aufgebaut, auch wenn er am Ende zu schnell abgewickelt wurde und ein Handlungsstrang etwas zu lapidar abgeschlossen wird.
Dem Sog des Romans tut das kaum Abbruch und man kann sich ihm schwer entziehen.
Man fiebert mit und will, dass das Gute siegt, auch wenn dieses Gute nicht moralisch einwandfrei ist. Ein spannender Thriller um Rettung und Rache.
Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar von Conny Lüscher und dem Rulsuspense Verlag zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.



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