Ein normaler Jude zu sein bedeutete, kaputt zu sein. Nicht normal zu sein. Es gab keine normalen Juden. (S. 182)
Was wie ein beiläufiger Gedanke Antons klingt, legt bereits die Grundspannung des Romans offen: eine Identität, die sich stets vom Ausnahmezustand her definiert, nie vom Normalfall.
Anton und Alma begegnen sich zweimal, als Jugendliche in der Bretagne und Jahre später auf einer Berliner Party, als sei die erste Begegnung nur eine Generalprobe gewesen. In diesem doppelten Anfang liegt das zweite Strukturprinzip des Romans: Verlieren und Wiederfinden als Taktschlag, der sich durch Jahre, Wohnungen und Kontinente zieht.
Vieles an ihrem Aufeinandertreffen erzählt Vowinckel mit erstaunlicher Leichtigkeit, geradezu innig; Alma möchte in Antons Körper einfallen, so wie er längst in ihrem Zuhause ist.
Die zahlreichen intimen Schilderungen ihrer körperlichen Nähe nehmen mehr Raum ein, als die Konstruktion des Paares eigentlich braucht; hier verliert der Text etwas.
Dana Vowinckel, deren gefeiertes Debüt Gewässer im Ziplock das jüdische Leben in Deutschland aus der Perspektive einer Fünfzehnjährigen verhandelte, erweitert die Optik in ihrem zweiten Roman um eine zweite, nichtjüdische Stimme: Alma.
Alma wächst bei ihrer Mutter und einem lieblosen Stiefvater am östlichen Stadtrand Berlins auf. Anton entstammt einer akademisch geprägten, jüdischen Familie. Nicht die Herkunft sorgt für die Auseinandersetzungen der beiden, sondern das, was jeder von ihnen aus ihr macht: Anton verinnerlicht sie als Auftrag, Alma erlebt sie als Leerstelle, die gefüllt werden will.
Für seine Masterarbeit erforscht Anton die Massenkonversion der Chasaren zum Judentum. Dieses geschichtliche Echo durchzieht den gesamten Roman und verschränkt sich mit der Gegenwart der beiden Figuren:
Was er akademisch untersucht, wird in Almas eigenem Leben zur Frage. Ausgerechnet jene historische Episode, in der sich ein ganzes Volk aus freiem Entschluss zum Judentum bekannte (S. 298), macht deutlich, worum es dem Roman insgesamt geht.
Es geht um Zugehörigkeit, hier auch in der Frage der Religion.
Entsteht diese durch Abstammung, die man erbt, oder Entscheidung, die ein Einzelner, ja ein ganzes Volk treffen kann?
Einer bequemen Antwort verweigert sich der Text; stattdessen stellt er die unbequemere Frage, ob eine Ablehnung der Konversion, die sich allein auf fehlendes jüdisches Blut beruft, nicht selbst jener rassistischen Logik folgt, aus der einst der Holocaust hervorging.
Ist ein schlechtes Gewissen als Motiv redlicher als gar keines? Und erkauft der Beitritt von Nachfahren des Tätervolkes zum Opfervolk tatsächlich eine Art Entschuldung?
Der Roman nennt das Phänomen unverblümt beim Namen: das Wilkomirski-Syndrom, benannt nach jenem Schweizer Autor, der sich fälschlich eine Holocaust-Überlebendenbiografie zuschrieb.
Wie der Roman mit dem Gewicht der eigenen Familiengeschichte umgeht, zeigt eine Szene, in der Alma daran erinnert, dass es auch in ihrer eigenen Familie einen Nazi gab und ihr Gegenüber lakonisch entgegnet: „Also, so gesehen sind ja alle Deutschen mit einem Nazi verwandt.” (S. 331)
Ist es überhaupt erstrebenswert, einer verfolgten Minderheit anzugehören, innerhalb derer Konvertiten selbst eine abgelehnte Minderheit wären, und das nicht nur in den Augen der Orthodoxen?
Die Autorin wirft all diese Fragen auf und verleiht dem Weg ihrer Figuren eine doppelte Bodenlosigkeit, der sich nicht nur Anton, sondern auch die Lesenden selbst stellen müssen.
Einen ersten Denkanstoß liefert bereits der Anschlag von Halle, richtig in Gang setzt die Auseinandersetzung aber erst der 7. Oktober 2023, den Vowinckel nicht nur als historischen Hintergrund behandelt, sondern als leibhaftige Erschütterung erzählt.
Die Nachrichtenlage hämmert sie dem Lesepublikum dokumentarisch in Schlagworten ein: Raketeneinschlag, Geiselnahme, ermordete Familien, Tel Aviv, Reizwörter, untereinandergesetzt wie Schläge, bevor sich das ganze Ausmaß in zwei fast unerträglich sachlichen Sätzen verdichtet: „Neun Monate alt, 19 Jahre alt, 90 Jahre alt. Bald kannte er ihre Gesichter.” (S. 381)
Von hier aus verhandelt der Roman, was Erinnerungskultur und Gegenwart miteinander zu tun haben, wenn beide gleichzeitig beansprucht werden. Zwei Positionen stehen sich gegenüber, die eine sieht im israelischen Vorgehen eine legitime Reaktion, die andere erinnert an die pazifistische Lehre aus dem Holocaust und daran, dass Gewalt Gewalt gebäre.
Statt eine dieser Haltungen zu privilegieren, lässt Vowinckel beide mit vollem argumentativen Gewicht aufeinandertreffen, bis an einer Stelle sogar das eigene Existenzrecht der Bundesrepublik nach 1945 zur Vergleichsgröße wird: „Es geht doch nicht um Rechtfertigung.” (S. 388) Der Roman entscheidet den Streit nicht; er lässt ihn offen im Raum stehen, als Riss, der sich nicht kitten lässt, und überlässt seinem Protagonisten das Ringen um einen eigenen Standpunkt.
Was Vowinckel in Anton und Alma gelingt, ist eine Liebesgeschichte, die sich weigert, Zuflucht vor der Geschichte zu sein. Am Ende kehrt der Roman noch einmal zu jenem ersten Bild zurück, zur Bretagne, zur Party, zum Wiedererkennen zweier Menschen, die einander immer wieder neu begegnen müssen, weil die Welt um sie herum sich nicht stillhalten lässt. Ob das Trost ist oder Zumutung, lässt der Roman offen.
Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar von Suhrkamp zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.



[…] „Dieser Band ist keine späte Gedenkplatte, sondern ein Monsterbrillant aus dem Tiefsee‐Schatz der deutschsprachigen Literatur: 15 Geschichten, die zeigen,…