„Ich will reich sein, unabhängig und frei.” (S. 65)
Ein Wunsch, der sich selbst schon unterläuft, kaum dass er ausgesprochen ist: drei Adjektive ohne Objekt, eine Formel, die eher benennt, was Samara nicht mehr sein will, als was sie werden könnte.
Nicht die Bestimmung eines Ziels grundiert diese Bewegung, sondern das fortwährende Verlassen des Vorherigen, ein Prinzip, das sich durch den gesamten Roman zieht, bevor es überhaupt ausformuliert wird.
Er beginnt in Bali, wohin Samara weniger aus Sehnsucht als aus Trotz flieht: Den Eltern, die ihr eine Alleinreise als Frau nicht zutrauten, beweist sie damit vor allem eines, dass sie es kann, um sich dort umgehend über die drückende Hitze zu beklagen.
Ein kurzes Zwischenspiel bei eben jenen Eltern folgt, die insgeheim immer noch hoffen, ihre Tochter werde doch noch Gefallen an der elterlichen Kfz-Werkstatt finden.
Es zieht sie jedoch weiter, in einen neuen Job, den Wahl mit der ihr eigenen Zeitgeist-Sprache grundiert: vom Body-Positivity-Vokabular bis zum Dead-Influencer-Sustainability-Sprech, vom Conscious Breathwork bis zur nächsten Kampagne, findet Samara alles gleichermaßen albern und so zieht sie unbeirrt weiter.
Ausgestattet mit einem Mercedes-Cabrio SL, Geschenk des Vaters, den Tiger sprichwörtlich im Tank, liegt ihr die Autobahn zu Füßen, soweit das Auge reicht.
So wird aus dem Fluchtimpuls von Bali eine Road Novel, die sich über Berlin und Österreich bis nach St. Moritz fortsetzt.
Was sich ebenso fortsetzt, weil Samara es nie aufgegeben hat: das Jonglieren mit wechselnden Identitäten.
Sie lügt, ohne Not und ohne erkennbaren Gewinn, aus purem Vergnügen an der Lüge selbst, und schafft damit die Grundlage für einen Hochstaplerroman, der sich bewusst in eine literarische Traditionslinie stellt.
Den Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull von Thomas Mann, dessen Titelfigur seine Selbsterfindung als pikareske Freiheit ausleben durfte, ohne dass ihm dafür je ernsthaft Rechenschaft abverlangt worden wäre.
Sprachlich fällt vor allem die Neigung zur Verdopplung auf: „Endlich bin ich auf der Autobahn, denke ich, als ich endlich wieder im Auto auf der Autobahn sitze” (S. 103) ist keine Ausnahme, sondern Prinzip, der Satz sagt zweimal, was er auch einmal sagen könnte. Die Ich-Erzählerin denkt sich selbst beim Denken zu, ihre Wahrnehmung verdoppelt sich in Echtzeit, bevor sie überhaupt zu einer Erkenntnis wird.
Auffällig präsent sind zudem die zahlreichen mit Ich beginnenden Sätze, ein grammatisches Muster, das die Selbstbezogenheit der Figur nicht behauptet, sondern schlicht vorführt.
Dadurch wirkt der Roman streckenweise wie ein Entwurf.
Man kann kaum unterscheiden, ob die naive Sprache bewusste Charakterisierung ist oder unausgereifte Prosa.
Jana Felgenhauer wirft der Autorin in ihrer Kritik für den Stern eine gezielte Stänkerei vor, eine Provokation um der Provokation willen. Das sei hier nur erwähnt, weil sich zwei Passagen im Buch tatsächlich in diese Richtung lesen lassen.
Mit sichtlicher Freude wiederholt Samara etwa ihre Vorliebe für Müllermilch, die sie literweise und ohne jede Scham bekennt, und versieht diese Vorliebe mit dem naheliegenden Politikum: Den AfD-nahen Konzernchef des Molkereikonzerns bedenkt sie kurz mit dem Wort Idiot (S. 34), um anschließend munter weiterzutrinken, wohl wissend, dass die brisante Note haften bleibt. Es liest sich wie ein Achselzucken in Textform, der sprichwörtliche Mittelfinger, nur eben literweise serviert.
Eine zweite, weit größere Provokation liegt in einem literarischen Bezug, den der Roman ebenso gezielt setzt: Samara liest Irène Némirovskys Suite française und vergleicht, im Stillen, ihr eigenes Schicksal mit dem der Autorin, die 1942 in Auschwitz ermordet wurde. „Ich bin so ein Scheißkackmensch“ ohrfeigt sie sich im Nachhinein selbst ab für diesen Vergleich. Die Frage nach dessen Einsatz bleibt dennoch.
Der Sprung von einer freiwillig gewählten Identitätskrise zu einem Schicksal, das keine Wahl kannte, fällt so groß aus, dass er weniger von literarischer Bildung zeugt als von jener Selbstbezogenheit, die den gesamten Roman durchzieht.
Die schiere Menge an Banalitäten überrascht.
Wer die „Assistentin“ von Wahl gelesen hat, erinnert sich an eine Erzählstimme, die trotz aller Schnoddrigkeit an Kontur gewann, in 1999 Meter über dem Meer wirkt diese Entwicklung leider eher rückläufig als fortgeführt.
Dieselbe Selbstbezogenheit, die der Text seiner Erzählerin attestiert, spielt im Übrigen auch die Autorin selbst: Vier Romane in vier Jahren, vier Mal von der Longlist des Deutschen Buchpreises ausgeschlossen, und doch längst zu einer eigenen Literaturmarke geworden, deren Person und deren Sprechen sich von den Stimmen ihrer Figuren kaum noch trennen lassen.
Ob der ausgestellten Dekadenz in St. Moritz gezielte Satire zugrunde liegt, lässt sich nur bedingt beantworten: Wahl selbst hat für die dortigen Szenen auf Einladung des örtlichen Tourismusbüros recherchiert und dabei, wie sie im Interview verriet, trotz eigenem Millionärinnenstatus ein Befremden gegenüber dem dortigen Luxus empfunden.
Popstar oder Sternchen der Literaturbranche, die Frage stellt sich bei einer Autorin, die sich den Zugang zur High Society mit derselben Beiläufigkeit verschafft wie ihre Hochstaplerin-Figur, einer Beiläufigkeit, die einem gehörigen Maß an Chuzpe entspringt.
Hochstapler sind in der Literaturgeschichte meist tragische Figuren, ihre Selbsterfindung endet gewöhnlich in der Entlarvung. Thomas Manns Felix Krull bildet die große Ausnahme: Sein Hochstapler bleibt unbestraft, weil der Roman Fragment blieb, nie zu Ende geschrieben, nie zur Rechenschaft gezogen. Ob Wahl sich ausgerechnet diese Ausnahme zum Vorbild genommen hat, bleibt offen.
„Salut!
Du bist the real thing!”,
Das Publikum wird seine eigene Wahl treffen, und die Autorin weiß das längst, hat es vielleicht sogar einkalkuliert. Man kann ihr die Banalitäten vorhalten, die Selbstbezogenheit, den Hang zur Wiederholung, und trotzdem bleibt am Ende ein gewisser Respekt vor einer Autorin, die sich selbst so unverfroren treu bleibt und die genau weiß, dass diese Unverfrorenheit ihr eigentliches Kapital ist.
Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar von Rowohlt zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.



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