„Keine Angst, Darling“ von Vera Buck

„Der Rückweg ist ungewiss. Sende Hilfe, Obi Wan.” (S. 28)

Schon in dieser Textnachricht, die sich hinter einem Popkultur-Zitat versteckt, liegt ein Hilferuf, der sich nicht traut, einer zu sein, sondern sich in Ironie kleidet, um unter der glatten Oberfläche eines perfekten Lebens unsichtbar zu bleiben. Gesendet wird er von Lea an die Schwester Paula, nachdem beide sich schon entzweit haben. Dann legt Lea auch noch einen Ozean zwischen sie und zieht nach Florida.

Paula wählt die Nummer ihrer Schwester zum wiederholten Mal an diesem Abend, und wieder hört sie nur die Mailbox, während dreitausend Kilometer entfernt, in einer Siedlung mit dem Namen Sancta Familia, die Antwort ausbleibt.

Paula kehrt selten vor Einbruch der Dunkelheit aus dem Büro heim, in der gemeinsamen Wohnung mit Ehemann Niko und den drei Kindern herrscht das gewohnte Chaos zweier berufstätiger Eltern. 

Lea dagegen hat sich, so scheint es zumindest im Netz, in ein anderes Leben verabschiedet: als Tradwife-Ikone verkündet sie in abgeriegelter amerikanischer Vorstadtidylle die, wie sie es nennt, wahre Bestimmung der Frau. Nicht Karriere, sondern Hingabe; nicht Selbstverwirklichung, sondern Unterordnung als vermeintliche Befreiung. Zwischen den Schwestern liegt nicht nur ein Ozean, sondern eine Weltanschauung, die zunehmend unübersetzbar wird.

Dass Buck ausgerechnet die geschlossene Gemeinschaft zum Schauplatz wählt, überrascht bei ihr nicht: Schon in ihrem Debütthriller „Wolfskinder” ließ sie eine abgeschottete Bergsiedlung zum Gefängnis werden, das sich als Idylle tarnt. Sancta Familia, mit dem Werbeversprechen „Führung, Familie, Frieden”, ist die sonnendurchflutete, urbane Variante desselben Prinzips: ein Ort, der Schutz verspricht und Kontrolle liefert.

Durch ein Haushaltsbuch erhält der Lesende einen Einblick in den Alltag von Sancta Familia. Gies eröffnet sich im Verlauf der Handlung ein zweiter Blick auf die Siedlung, einer, der weit weniger glänzt als das, was nach außen dringt. 

Jede notierte Ausgabe, jede knapp bemessene Position erzählt von einer Choreografie der Abhängigkeit, die sich nicht als Kontrolle zu erkennen gibt, sondern als Fürsorge tarnt.

Parallel dazu montiert Buck Transkripte von Leas TikTok-Videos in den Text.

In einem pastellig-süßen Duktus, der von Rezepten, Ordnungssystemen und mütterlicher Erfüllung erzählt und von der Freude des Frauseins unter der ordnenden, liebevollen Instanz des Ehemannes.

Zwischen dieser makellosen Oberfläche und dem, was das Haushaltsbuch offenlegt, entsteht ein Riss, der den eigentlichen Spannungsmotor des Romans bildet: nicht nur das äußere Verschwinden der Schwester, sondern deren langsame Auflösung hinter dem eigenen, sorgfältig kuratierten Bild, wird erzählt.

Zugespitzt wird dieses Spannungsverhältnis in einer Podcast-Szene mit einem gewissen Steven Callan, in der Lea das Tradwife-Phänomen öffentlich verhandelt. Er nennt es eine Absage an die Emanzipation, sie eine freiwillige Entscheidung für das Frausein; er spricht von Unterwerfung, sie von Hingabe und Befreiung von Erwartungen. 

Buck lässt beide Positionen mit einer Schlüssigkeit stehen, die selten ist in einem Genre, das sich sonst gern auf eine Seite schlägt, bis der Moderator die eine Frage stellt, die alles kippen lässt: wer eigentlich von Leas Account profitiert.

Die literarische Ahnenreihe, in die sich der Roman an dieser Stelle selbst einschreibt, reicht über das reine Genre hinaus von „Yersteryear“ bis zu Margaret Atwoods „Der Report der Magd”, jenem Roman, der die Frage nach weiblicher Selbstbestimmung unter dem Deckmantel der Fürsorge zum Menschheitsthema gemacht hat. Wo Atwood ein totalitäres Staatswesen entwirft, das Frauen die Unterordnung befiehlt, verlagert Buck den Schauplatz in eine vermeintlich freiwillige, durch Social Media sogar noch beworbene Unterwerfung, was die Frage nach dem Unterschied zwischen erzwungener und „gewählter” Unterordnung nur noch schärfer stellt.

Dass Buck neben Journalistik auch Europäische Literaturwissenschaft und Drehbuchschreiben studierte, verrät sich in der Machart des Romans: TikTok-Transkripte, Podcast-Wortwechsel, montierte Dokumente funktionieren wie Schnitte in einem Drehbuch, die die Geschichte weniger erzählen als in Szenen zerlegen, durch die sich die Leseenden selbst hindurchmontieren müssen. 

Mit „Das Baumhaus” und „Der dunkle Sommer” hat sie sich zuletzt als verlässliche Spiegel-Bestsellerautorin etabliert; „Keine Angst, Darling” setzt dieses Erfolgsrezept fort und schärft es gesellschaftspolitisch zu.

Über die Frauen im Buch heißt es an anderer Stelle, sie hätten „Eine Meinung. Einen Willen. Eine gewisse Härte nach außen. Aber darunter: etwas Verletzliches. Etwas, das man schützen will. Oder brechen kann.” (S. 192) Buck deutet an, dass genau diese Härte es ist, die Männer wie Matt anzieht, nicht trotz, sondern wegen der Aussicht, sie zu brechen, und dass Lea darin keine Ausnahmeerscheinung innerhalb der Community ist, sondern Teil eines Musters.

Buck erzeugt den Sog des Romans auch auf struktureller Ebene: Die Abstände zwischen Leas letzten Videos schrumpfen im Verlauf der Handlung, von Jahren zu Monaten zu Tagen, sodass sich der Erzählrhythmus selbst verengt, während sich bei Paula parallel ein ungutes Gefühl verdichtet, das sich zunächst nicht belegen lässt.

Dieses Gefühl treibt Paula aus der schlichten Notwendigkeit nach Florida, sich mit eigenen Augen zu vergewissern, dass es der Schwester gut geht. 

Matt wimmelt sie ab, freundlich, bestimmt, undurchdringlich, und genau in dieser Abwehr liegt für Paula der erste handfeste Beweis, dass etwas nicht stimmt.

Was sie daraufhin auf eigene Faust ermittelt, führt sie tiefer, als sie erwartet hat: nicht in ein isoliertes Beziehungsdrama, sondern in die Strukturen einer Organisation, deren Reichweite nicht an der amerikanischen Ostküste endet, sondern bis nach Deutschland reicht, in Paulas eigenes Zuhause, zu ihrer eigenen Familie. 

Was als Sorge um die Schwester begann, wird zur Bedrohung des eigenen Lebens, und der Roman verschiebt damit sein Bedrohungsszenario von der einzelnen Frau auf ein System, das sich nicht an Landesgrenzen hält.

Klug schreibt Buck in diesem Thriller: „Zustimmung ohne die Möglichkeit, Nein zu sagen ist keine Zustimmung. Eine Beziehung ohne Gleichberechtigung ist Herrschaft.” (S. 314) 

Nicht die Liebe steht hier zur Debatte, sondern ihre Bedingungen, und Buck lässt keinen Zweifel daran, dass Zustimmung ohne echte Alternative ihren Namen verwirkt.

Am Ende bleibt die Frage stehen, die „Keine Angst, Darling” bewusst nicht beantwortet: wie viele Leas es gerade jetzt gibt, die in pastelligen Videos ihre Unterwerfung als Erfüllung verkaufen, und wie viele Zuschauerinnen bereit sind, ihnen zu glauben. 

Zurück bleibt ein psychologisch dichter Pageturner, dessen Sätze jeder Frau, die für Gleichberechtigung eintritt, unweigerlich auf den Magen schlagen dürften.

Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar von Lübbe zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.

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