„Ein Geheimnis, das keines mehr ist, wird zur Lüge” (S. 7),
heißt es im Prolog von Anousch Muellers Roman „Lori”, und dieser Satz legt bereits die ganze Konstruktion des Buches offen: eine ältere Schwester, von den Eltern totgeschwiegen, an die sich die Erzählerin Helena, genannt Leni, im Alter von acht Jahren dennoch wieder erinnert. Von dieser Erinnerung, die keine sein darf, lebt der gesamte Roman.
Leni wächst mit ihren Geschwistern in einem stillgelegten thüringischen Bahnhofsgebäude auf, einem Ort, der schon durch seine Zweckentfremdung etwas Zwielichtiges trägt, einst Durchgangsstation, jetzt Endpunkt einer Familie, die im Dorf misstrauisch beäugt wird. Und doch, allen Gerüchten zum Trotz, gibt es hier auch die andere Kindheit: Sommer, in denen Müßiggang zur eigenen kleinen Ewigkeit wird,
„Versprechungen für die Ewigkeit einer Jugend” (S. 26),
Nachmittage mit einer Dorfclique, der sich Leni und ihre Geschwister eine Zeitlang zugehörig fühlen dürfen, so brüchig dieses Zugehörigkeitsgefühl auch bleibt. Es sind diese leisen, warmen Passagen, in denen Mueller zeigt, dass Ausgrenzung und Geborgenheit einander nicht ausschließen, sondern in dieser Kindheit dicht nebeneinander liegen, bis die ersten Risse der Clique, der bevorstehende Schulwechsel der einen, das Zurückbleiben der anderen, ankündigen, dass auch dieses vorläufige Dazugehören ein Ablaufdatum hat.
Wo der Roman jedoch seine eigentliche Schärfe gewinnt, ist in der Verhandlung der DDR-Erfahrung selbst, und hier verweigert sich Mueller jeder bequemen Position. Die Passagen zur Honecker-Biografie etwa brechen bewusst mit dem kollektiv eingeübten Zerrbild: „Die Geschichte sei der Biederkeit Honeckers auf den Leim gegangen, er sei unterschätzt worden. „Oder glaubst du, man schafft den Weg von Wiebelskirchen in die Geschichtsbücher ohne Härte und Skrupellosigkeit?” (S. 103), und weiter, die „geriatrische Optik aus Hornbrille und beigefarbenem Jackett” habe sich „jeder kultischen Ikonographie” verweigert (S. 105), eine Volte vom Filou zum Diktator, die dem eigenen, allzu glatten Bild widerspricht.
Ähnlich unbequem, weil widerständig gegen jede westdeutsche Deutungshoheit, liest sich der Satz, die Ostdeutschen hätten ihren „westlichen Brüdern und Schwestern eine welthistorische Vision aufgebürdet, mit der sie damals wie heute wenig anfangen konnten” (S. 147), unmittelbar gefolgt von der lakonischen Feststellung, Freiheit sei „immer ökonomische Freiheit” (S. 147).
In der Schilderung der Begrüßungsgeld-Szene verdichtet sich diese Beobachtung schließlich bis in die Aussprache selbst, „Konsummm, nicht Konsuuum”, ein Satz, der die Klassifizierung als Mensch zweiter Klasse allein über den Klang vollzieht, hier zwei Systeme mehr als nur mundartlich trennt.
Mueller urteilt hier nicht, sie stellt lediglich die Bruchstellen aus, an denen sich die deutsch-deutsche Nachgeschichte bis heute reibt, streitbar, weil sie keine Seite schont, und neuen Stoff zur Diskussion stellt.
Auch die Nebenfiguren tragen dieses Prinzip der Verkörperung mit: die Geschwister, jedes auf seine eigene Weise gezeichnet, changierend zwischen Dissoziation, Sucht und Instabilität (S. 98), lesen sich wie ein psychopathologisches Register einer ganzen Generation, die eine Last trägt, für die sie selbst keine Sprache besitzt.
Der Jugendfreund Lutz wiederum, der das konspirative Schweigen der Elterngeneration früh durchschaut, weil er selbst mit einem eigenen Familienverlust aufgewachsen ist, bildet über weite Strecken den emotionalen Resonanzraum, in dem Leni sich ihrer eigenen Geschichte nähern kann, ohne sie doch je ganz auszusprechen.
Was diesen Roman trägt, ist die Weigerung, das Private vom Politischen zu trennen, und nirgends wird das deutlicher als in der Art, wie sich das Ungesagte der Elterngeneration in den Körpern und Biografien der Kinder fortschreibt.
Was als Symptom erscheint, als Anfälligkeit, als diffuse Traurigkeit ohne erkennbaren Anlass, erweist sich bei genauerem Hinsehen als vererbtes Wissen, das keine Worte fand und sich deshalb somatisch, in Erinnerungslücken, in Beziehungsunfähigkeit, in stillen Zusammenbrüchen, seinen Weg gesucht hat.
Der Staat, der diese Verstrickungen hervorbrachte, existiert seit bald vierzig Jahren nicht mehr, doch seine Wirkung entfaltet sich unvermindert in einer Generation, die ihn selbst kaum bewusst erlebt hat. Gerade darin liegt die eigentliche Leistung dieses Romans: Er macht sichtbar, wie wenig mit dem Ende eines politischen Systems auch das Ende seiner Folgen gesetzt ist, und er lässt Überlegungen zu, weshalb noch nicht zusammengewachsen ist, was doch angeblich zusammengehört.
Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar von C.H. Beck zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.



[…] „Dieser Band ist keine späte Gedenkplatte, sondern ein Monsterbrillant aus dem Tiefsee‐Schatz der deutschsprachigen Literatur: 15 Geschichten, die zeigen,…