„Als ob Mädchen wie wir je gewinnen.” (S. 168)
Sieben Worte, die den ganzen Roman zusammenfassen, noch bevor er sein Fundament, an anderer Stelle, wirklich preisgibt.
In der australischen Kleinstadt Vincent, Hauptstadt der Teenie-Schwangerschaften und abgehauenen Väter, träumen vier Mädchen von der Flucht. Ihr Vehikel: eine Band, drei Akkorde, Kurt Cobain als Ersatzreligion, und diese Wahl ist nicht zufällig.
Ihr Fluchtpunkt: der Battle of the Bands, die einzige Eintrittskarte aus einem Leben, das ihnen von Anfang an zugewiesen wurde.
Was sie antreibt, ist mehr als ein Teenagertraum, es ist die Aussicht, zu etwas Besonderem zu werden, nicht dort zu enden, wo ihre Mütter längst festsitzen, mit Teänensäcken unter ihren schwarzen Eylinern.
Liz Allan erzählt diesen Traum nicht als Coming-of-Age-Idylle, sondern als langsames Zerbröseln, unter dem sich etwas weit Dunkleres verbirgt.
Der Auslöser: Lily Lucid, einst Leadsängerin, der vier steigt aus. Ein Gerücht von Entführung macht die Runde, dann der Verdacht gegen Mr. P., den Musiklehrer und einzigen Erwachsenen, der die Mädchen je mit Respekt behandelt hat. Der ihnen zum Ausstieg verhelfen will, indem er mit ihnen übt.
Doch gerade diese Nähe, die sie als Erwählung lesen, trägt von Anfang an einen Beigeschmack, den man erst im Rückblick zu deuten weiß.
Was folgt, ist eine Eskalation, die der Roman mit chirurgischer Konsequenz durchdekliniert, ein Gerücht, das sich Kapitel für Kapitel verdichtet und die Mädchen zwingt, ihr eigenes Bild von Mr. P. zu überdenken.
Doch der eigentliche Bruch beginnt woanders: als der neue Musiklehrer ihre Fähigkeiten einschätzt, mit Tschaikowski und Notenkunde, und ihnen damit unmissverständlich zeigt, dass ihr großer Traum in den Augen der Erwachsenenwelt nichts wert ist. Von da an beginnt alles zu bröckeln.
Bemerkenswert ist, wie wenig die Mädchen selbst dabei als Individuen greifbar werden. Über weite Strecken sprechen sie kollektivierend, „von sich“ und „unseren Müttern”, „deren Männer”, nie mit Namen, nie als eigene Menschen. Diese sprachliche Verschmelzung zur Gruppe ist mehr als Stilmittel, sie ist Symptom: Statt sich dem Geschehenen zu stellen, verdrängen sie kollektiv, richten ihre Energie lieber auf die Rettung ihres Traums als auf das, was tatsächlich um sie herum geschieht.
Die Ausgrenzung und Empathielosigkeit gegenüber der einstigen Freundin Lily, die ihren Traum nicht mehr mittragen will, sich aus der Verschmelzung löst und damit schlussendlich den Zerfall der Gruppe auslöst.
Und doch, bei aller Kälte nach außen, bleibt zwischen den Mädchen selbst eine Freundschaft, die man trotz allem nur bewundern kann, ihr einziger fester Halt in einem Leben, das ihnen sonst wenig Verlässliches bietet.
Sprachlich bleibt Allan sich über den ganzen Roman treu: kurze, wütende Kapitel, Satzfragmente statt Auserzähltem, der Gossenton der Neunziger, der nie in eine Kunstsprache kippt.
Als ob
Als ob Mädchen
Als ob Mädchen wie wir
Als ob Mädchen wie wir je
gewinnen.
Seite 168
Besonders eindringlich die eingeschobenen Hinweise auf Songtexte, die begleitet werden von einer extra zusammengestellten Playlist. Hört man diese zum Text, vervielfacht sich die Einsicht in die Träume und Herzen der Teenager.
Die vier Mädchen aus Vincent projizieren sich nicht zufällig auf Cobain, sie erkennen in ihm einen der ihren. Einen, der aus genau demselben sozialen Bodensatz kam, aus zerbrochenen Familien, Armut, Wohnungslosigkeit, und der es trotzdem geschafft hat, Ikone zu werden, ohne seine Herkunft zu verleugnen.
Cobain ist für sie kein abstraktes Idol, sondern ein Beweis: Auch ein Bastard aus der Provinz kann etwas Besonderes werden. Das macht ihre Musikwahl zu einer Identifikationsfigur, nicht bloß zu einem Musikgeschmack.
„Wir lebten kleine, unbedeutende Leben. Aber wir wussten, dass wir mit unserer Musik die Chance auf etwas größeres hatten.” (S. 156)
Diese Sehnsucht trägt den ganzen Roman, auch dort, wo die Gegenwart brutal ihren Traum zerschlägt, und wo sich hinter dem Verdacht gegen Mr. P. etwas noch Dunkleres abzeichnet, als die Mädchen selbst zu ahnen wagen.
Auch die Titelwahl ist kein Zufall: “In Bloom” ist selbst ein Nirvana-Song, vom Album Nevermind (1991).
Er handelt sarcastisch von einem Fan, der die Musik mitgrölt, ohne die dahinterliegende Wut und Verzweiflung zu verstehen, “he’s the one who likes all our pretty songs and he likes to sing along… but he knows not what it means”.



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