„Aber neben der Realität ist die Fiktion ein blasser Scheiß. Seite 184
Der Bundeskanzler ist verschwunden. Und mit ihm die Gewissheit, was wahr ist und was nicht.
Marc Raabe beginnt seinen vierten Roman um das Ermittlerduo Art Mayer und Nele Tschaikowski mit einem Szenario, das so nah an der politischen Gegenwart liegt, dass es unangenehm vertraut wirkt:
Ein Mädchen, das sich Kessy X nennt, lädt drei Videos hoch, in denen sie den Kanzler Henrik Westphal des Missbrauchs beschuldigt.
Verleumdung? Fake News? Oder der Stoff, durch den Karrieren enden? Westphal dementiert, und verschwindet.
Was folgt, ist kein klassischer Thriller mehr, sondern ein Spiegelkabinett aus Illusionen, politischen Verwicklungen und sorgfältig platzierten falschen Spuren.
Raabe beherrscht das Handwerk des kontrollierten Chaos. Passagen mit treibendem Tempo wechseln sich mit Rückblenden ab, die den Blick weiten, ohne die Spannung zu brechen.
Die Zeitebenen überlagern sich, verstärken sich gegenseitig, und immer dann, wenn man glaubt, den Boden unter den Füßen zu spüren, zieht Raabe ihn weg. Diese konsequente Dramaturgie ist eines Shakespeare würdig, Verwirrung stapelt sich auf Verwirrung.
Art Mayer ermittelt, wie er immer ermittelt: am Rand aller gesetzlichen Möglichkeiten und gelegentlich weit darüber hinaus. Sein Vorgesetzter Buchwald bringt das mit müder Präzision auf den Punkt: Art Mayer sei „Wie immer. Der Letzte, wenn man ihn irgendwo hin ruft, der Erste, wenn er irgendwo nicht hinsoll.” (S. 52) In diesem Satz steckt seine ganze Figur. Wer die Reihe kennt, lächelt jetzt. Wer sie nicht kennt, darf neugierig sein.
Die Konstellation der Figuren erschließt sich auch ohne Vorwissen, die emotionalen Verstrickungen werden mitgeliefert, ohne dass man das Gefühl hat, in eine laufende Serie einzusteigen. Für Leserinnen und Leser, die die Reihe kennen, ist es freilich ein anderes Vergnügen.
Milla ist inzwischen acht. Leo sucht in Art eine Vaterfigur. Und das Feuer zwischen Juli und Art ist nicht erloschen, auch wenn niemand laut darüber spricht.
Des Rätsels Lösung wartet irgendwo in den letzten hundert Seiten. Ob diese trägt, ob sie befriedigt und ob die aufgebauten Fäden wirklich zusammenführt werden, das ist natürlich immer die entscheidende Frage bei jedem Thriller dieser Bauart.
Was sich sagen lässt: Raabe weiß das und er liefert dem Lesenden noch einen atemberaubenden Showdown obendrauf.
Wer einen klugen und gut konstruierten Pageturner sucht, ist hier richtig. Die Reihenfolge der Bände lautet: „Der Morgen”, „Die Dämmerung”, „Die Nacht”, „Im Morgengrauen”. Empfohlen sei, sie der Reihe nach zu lesen, der Entwicklung der Figuren wegen. Aber wer mit Band vier anfängt, ist auch nicht verloren.
Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Ullsteinverlag zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.



[…] „Dieser Band ist keine späte Gedenkplatte, sondern ein Monsterbrillant aus dem Tiefsee‐Schatz der deutschsprachigen Literatur: 15 Geschichten, die zeigen,…