„Die Lebensentscheidung” von Robert Menasse

„Überleben. Ein Wort wie ein Haltegriff.“ S. 97

Am 26. Februar 2024, kurz nach Mittag, trifft Franz Fiala eine Lebensentscheidung. So beginnt Robert Menasses neue Novelle, und der Satz klingt zunächst nach dem, was er verspricht: nach Aufbruch, nach dem Moment, in dem einer endlich das Steuer übernimmt. 

Doch Menasse ist kein Autor, der Versprechen einlöst, die er nicht gemacht hat. Was Fiala entscheidet, ist der Austritt aus einem Leben, das ihn nur noch frustriert. Und was die Novelle daraus macht, ist die stille Demontage der Illusion, dass man über das eigene Leben voll und ganz entscheiden kann.

Fiala ist Referent bei der Generaldirektion Umwelt der Europäischen Kommission. Über zwanzig Jahre hat er in einem Büro mit zwei Kippfenstern und einem halbtoten Ficus ausgeharrt, ausgestattet mit einem Doktortitel, der sich irgendwann als Eintrittskarte in ein erfülltes Leben erwiesen haben sollte. Menasse beschreibt dieses bürokratische Stillleben mit klinischer Präzision, die durch seine politischen Statements bitter und wahr zugleich wirkt.  

Als Fiala aus dem Fenster blickt und sieht, wie Traktoren das Europaviertel blockieren, und weiß, dass die Kommission den Green Deal weiter zurückbauen wird, ist seine Entscheidung gefallen. Er geht.

Die EU, deren Idee einmal in weltbürgerlicher Absicht entworfen wurde, rettet sich gerade vor ihren eigenen Feinden, indem sie nationalen Regierungen mehr Spielraum gibt. Die neue Grundidee unter dem blauen Banner wird lakonisch als Selbstdemontage formuliert um eigene Pöstchen zu sichern.

Dass Menasse diesen politischen Strang dann abbricht, haben ihm manche Kritiker als Versäumnis angerechnet. Es ist das Gegenteil. Der Wechsel des Terrains ist kompositorisch kalkuliert: Nicht die EU scheitert hier, sondern die Vorstellung, dass ein Mensch nach zwanzig Jahren institutioneller Verstummung einfach sein Leben neu einrichten kann. 

Stattdessen eine Diagnose, die hier vielleicht auf EU und Protagonisten zutrifft. Eine  Krebsdiagnose. Bauchspeicheldrüse. Überleben unrealistisch!

Menasses Hauptfigur trägt denselben Namen wie die Figur in Franz Werfels Novelle „Der Tod des Kleinbürgers” von 1927: Franz Fiala. Bei Werfel kämpft ein todkranker Kleinbürger darum, seine Versicherungspolice noch zu erfüllen, seine Familie zu versorgen, bevor er stirbt. Bei Menasse ist der Überlebenswettkampf anders motiviert, aber strukturell verwandt: Es geht nicht ums Geld, sondern um ein intergenerationales Tabu. 

Den Eltern zuzumuten, den Leichnam des eigenen Kindes in Empfang zu nehmen, gilt in den meisten Kulturen als das Schlimmste, was Eltern widerfahren kann. Fiala, dessen Mutter 89 Jahre alt und dement ist, entscheidet sich, ihr genau das zu ersparen. Er will sie überleben. „Überleben konnte für ihn nur heißen, seine Mutter zu überleben.” (S. 8) 

Das ist seine eigentliche Lebensentscheidung, und sie ist keine Entscheidung über das Leben, sondern eine über den Tod, über den bekanntlich niemand entscheiden kann.

Menasse entwickelt aus dieser Konstellation zwei Gedanken, die das Buch tragen. Der erste betrifft das, was Fiala „geschenkte Lebenszeit” nennt: die Zeit, die man jemandem widmet, den man liebt, ohne Ungeduld, ohne die Marotten des Alters als Zumutung zu verbuchen. 

Dass er dabei zusehen muss, wie sie verschrumpelt und mit übertriebener Schminke dem sichtbaren Verfall entgegenwirkt, beschreibt Menasse ohne rührseligen, eher in leicht angeekeltem, verschämten Unterton, den man oft gegenüber den alten Eltern anschlägt und dadurch an ein Opfer erinnert.

Der zweite Gedanke ist der Überlebenswettkampf selbst: Fiala setzt seinen Willen gegen eine Diagnose, über die er keine Kontrolle hat. Menasse zeigt ihn dabei ohne Heroismus und mit unterdrücktem Selbstmitleid. Warum ich? Natürlich kommt kurz diese Frage auf, ebenso wie die Angst, der Nachbar dieser Frage ist. 

Franz Fiala ist kein Mensch mit großen Gefühlsausbrüchen. Er analysiert, informiert sich, trifft sachliche Entscheidungen, verschweigt seiner Brüsseler Lebensgefährtin Nathalie die Krankheit, weil es ihm nicht mehr notwendig erscheint. Die Figur bleibt in ihrer Rationalität konsequent bis ans Ende, was die emotionale Wirkung des Textes nicht schwächt, sondern verstärkt.

Natürlich wird sein Leiden gezeigt aber eindringlicher noch das entschlossene Funktionieren angesichts des Nicht-mehr-Funktionieren-Könnens.

Stilistisch bewegt sich Menasse in einem Register, das man als lakonische Dichte beschreiben könnte. Leicht lesbar, ohne dekorativen Exzess, aber immer wieder Sätze, die sich festsetzen: das wulstige Sofa, das sich wie ein Polstermöbel-Krebs durchs kleine Wohnzimmer frisst (S. 70), der Schrei eines anderen, der nicht von ihm kam, als Beschreibung eigener Todesangst (S. 136). 

Bildhafte sehr körperliche Sprachschöpfungen. 

Der Klappentext verspricht Leichtfüßigkeit, und tatsächlich stimmt das für den Stil. Für den Inhalt nicht: Die Novelle legt sich wie ein Stein auf die Brust, was bei diesem Sujet keine Kritik ist, sondern eine sachliche Beschreibung.

„Die Lebensentscheidung” steht in Menasses Reihe von EU-Prosa, schließt an „Die Hauptstadt” (2017) und „Die Erweiterung” (2022) an, verschiebt aber die Perspektive vom Institutionellen ins Existenzielle. Was bleibt von einem Leben, das man in den Mühlen einer Bürokratie verbracht hat, die man eigentlich für eine gute Idee hielt? 

Menasse gibt darauf keine tröstliche Antwort. Er stellt die Frage so, dass man sie nicht wieder loswird. Das Buch endet, wie es enden muss, und dennoch auf eine unvorhersehbare Weise, die nicht vorweggenommen werden sollte. Nur so viel: „Der Tod kommt in Wehen.” S.158

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