„Mutmacher-Menschen – Schräg. Stark. Außergewöhnlich.“ von Marcel Friederich

„Wer ist das eigentlich, dieser Typ mit der schrägen Fresse?“ Seite 31

Es war ein Lachen, das mich und meine Tochter auf der Leipziger Buchmesse 2026 an den Stand des Pinguletta Verlags lockte. Marcel Friederich strahlte uns nicht nur von seinem Buchcover entgegen.

Als wir kurz darauf mit ihm ins Gespräch kamen, entstand sofort jenes Vertrauen, das man sonst selten Menschen entgegenbringt, denen man gerade erst begegnet ist. Offen, freundlich, nahbar, das war er im Gespräch und ist es ebenso auf den Seiten seines Buchs.

Auf die Frage nach seiner Superkraft antwortet Friederich knapp Balian Buschmann, der für das Vorwort verantwortlich zeichnet,: „Selbstakzeptanz ist meine Superpower“ (S. 12). 

Der Satz trägt das gesamte Buch. 

Friederich, geboren mit dem Möbius-Syndrom, das ihm in der linken Gesichtshälfte bestimmte Nerven fehlen lässt und sein Lachen sichtbar einseitig macht, hat aus einer vermeintlichen Schwäche eine Erzählhaltung gemacht: kein trotzdem, sondern ein deswegen. Ein Kindheitstraum, Fußball-Torwart in der Bundesliga zu werden, zerschlug sich an dieser körperlichen Realität. Was folgte, war ein zweiter Traum: Sportjournalismus. Friederich verfolgte ihn konsequent, berichtete von NBA-Finals, arbeitete für die „Sport Bild“ und RB Leipzig und war Chefredakteur, zuletzt beim DFL ehe er Anfang 2025 kündigte, um sich hauptberuflich seinem Mutmacher-Projekt zu widmen.

Der berufliche Erfolg, so erzählt es das Buch, war jedoch kein Selbstläufer der Selbstakzeptanz. Noch als gestandener Journalist scheute Friederich Fotos, auf denen er lächelt: „Wer ist das eigentlich, dieser Typ mit der schrägen Fresse?“ (S. 31), fragt er sich selbst, lange nachdem er beruflich alles erreicht hatte.

Es ist diese Verzögerung zwischen äußerem Erfolg und innerer Versöhnung, die dem Buch seine Tiefe gibt: Anerkennung von außen ersetzt nicht die Arbeit der Selbstannahme, sie kann sie höchstens begleiten.

Der Wendepunkt kommt über einen Podcast-Auftritt, in dem Friederich offen über seine Mobbingerfahrungen spricht. Die Potcasterin Constanze Weigel lernt er über den Verein Möbius-Syndrom Deutschland e.V. kennen. Der Beitrag geht viral und zieht einzelne Interviewanfragen nach sich, wie die Anfrage des Pinguletta Verlages. Aus der Buchidee entsteht eine Bewegung: das Mutmacher-Projekt. 

Bezeichnend ist, wie Friederich seinen eigenen Anspruch formuliert, das Projekt verstehe sich nicht in erster Linie als Kampf gegen etwas, sondern wolle Vorbilder sichtbar machen und ein respektvolleres Miteinander erzeugen. Diese Akzentsetzung, Bestärkung statt Anklage, Mut statt Mitleid prägt auch den Ton des Buchs.

„Mutmacher-Menschen: Schräg. Stark. Außergewöhnlich.“ versammelt elf Porträts von Menschen, die mit den unterschiedlichsten Herausforderungen leben, sichtbaren wie unsichtbaren Behinderungen, chronischen Erkrankungen, Depression oder Suiziderfahrungen im familiären Umfeld. 

Friederich wollte sich bewusst nicht auf sein eigenes, seltenes Syndrom beschränken, sondern Brücken bauen zu Menschen, deren Themen auf den ersten Blick wenig mit seinem eigenen zu tun haben, die aber dieselbe Bewegung durchlaufen: vom Stigma zur Selbstermächtigung.

Formal bewegt sich das Buch im Register des sachlich-journalistischen Ratgebers, angereichert mit Zahlen und Fakten, ergänzt um QR-Codes zu Videointerviews und ein abschließendes „Rezeptbuch“ mit zwölf Wegen zu mehr Mut und Selbstwert. Diese multimediale Anlage verweist auf Friederichs journalistische Herkunft: Das Buch ist Ausgangspunkt eines Crossmedia-Projekts, kein abgeschlossenes literarisches Werk im klassischen Sinn.

Eine der eindrücklichsten Geschichten ist die von Kathi Korn. Mit 21 erhält sie die Diagnose Diabetes Typ 1, verbunden mit der ärztlichen Prognose, sie werde nie ein Kind bekommen können, und dem Rat, ihr Hobby Tischtennis aufzugeben. „Keine Kinder, kein Sport, dafür Nadeln, diese Dreier-Kombination hat mich kaputtgemacht“ (S. 83), beschreibt sie diesen Moment. 

Heute ist Korn 35, Mutter dreier gesunder Töchter und weiterhin aktiv im Tischtennis. Als Gesundheits-Influencerin macht sie ihre Erkrankung öffentlich und leistet, wie es im Buch heißt, Aufklärungsarbeit für eine Gruppe, die größer ist, als man gemeinhin annimmt.

„Rund 40 Millionen Menschen leben in Deutschland mit einer chronischen Krankheit, das ist fast jede oder jeder Zweite“ (S. 88). 

Auch Korns Weg verlief nicht ohne Mobbingerfahrungen, ein Muster, das sich durch mehrere der porträtierten Biografien zieht und auf eine gesellschaftliche Schieflage im Umgang mit Andersartigkeit verweist, die das Buch sichtbar macht.

Auch die 90-jährige Instagram-Influencerin Rosi aus Mainz gehört zu den Porträtierten. „Was finden die Leute nur an meinem Geschwätz?“ (S. 212), fragt sie schelmisch im breiten Mainzer Dialekt, und beantwortet die Frage allein durch ihre Präsenz: Lebensfreude, Neugier, eine fast trotzige Gegenwärtigkeit im hohen Alter.

Was „Mutmacher-Menschen“ trägt, ist journalistische Verlässlichkeit , Lebensnähe und eine klare gesellschaftliche Diagnose. Friederich zitiert eine Zahl, die dem Buch seinen eigentlichen Resonanzraum gibt: 76 Prozent der Menschen in Deutschland sehen den gesellschaftlichen Zusammenhalt als gefährdet an (S. 42). 

Vor diesem Hintergrund liest sich das Buch als Gegenentwurf, nicht naiv-optimistisch, sondern als Sammlung konkreter, nachprüfbarer Biografien, die zeigen, dass Selbstwert und Anerkennung füreinander keine Gegensätze sein müssen. Und das es Menschen gibt, die sich für andere einsetzen, ihnen Mut zusprechen, was bewegen wollen.

Ein Sachbuch, das seine Wirkung zieht aus der Integrität seiner Stimmen, und aus der Tatsache, dass sein Autor selbst eine dieser Stimmen ist.

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