„Katharsis“ von Maciej Siembieda

„Ich heiße Kostas Tosidos. Ich bin Grieche.“ Seite 627

„Katharsis” von Maciej Siembieda fand sich im Juni 2026 auf der Krimibestenliste von Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk wieder. Obwohl das Buch für mich weit mehr war als ein Krimi.

Es geht um Politik, Geheimdienste, Gauner, Schmuggler und Korruption weit über Polen und die Stadt Gdynia hinaus. Siembieda schafft einen großartigen europäischen Roman, reichert ihn an mit historischen Fakten und spannt den Bogen über sechs Jahrzehnte von 1945 bis 1990. Wir begleiten drei Generationen, die aus der Not heraus zu Gesetzestreuen oder Gaunern werden, manchmal auch irgendetwas dazwischen.

Im Zentrum stehen vier Geschichten, die sich im Wesentlichen um zwei Hauptfiguren ranken, deren Leben sich unausweichlich miteinander verschränkt.

Kostas, der Sohn eines griechischen Priesters, den die Nazis hängten, wird zum Partisanen, dann zum Polen und schließlich zum Spielball von Nachrichtendiensten und Eigeninteressen. Den Preis, den er dafür zahlt, ist hoch.

Und Zygmunt, Neffe des Großgauners Molena, ein junger Schmuggler mit dem Gemüt eines Spielers, den das Aufschäumen des Adrenalins mehr reizt als die Beute, wenn er nachts Drogen über die Grenze zwischen Polen und Tschechien verschiebt, oder ihn später zu einer Art Unterweltgott mit dem Spitznamen Sacharin aufsteigen lässt. Was alle Geschichten dieses Romans verbindet, ist eine Uranerzmine in Niederschlesien: Sie ist das stille Zentrum, um das Interessen, Allianzen und Verrat kreisen, und sie sorgt dafür, dass niemand, dem der Lesende begegnet, eindeutig Freund oder Feind bleibt.

Das Buch zitiert selbst am treffendsten die Seele der damals vorherrschenden Politik, egal in welches Lager man schaut: „Die Politik ist die dreckigste und verlogenste Hure auf dieser Erde.” (S. 255) Und an anderer Stelle, schärfer noch: „Die Politiker unterscheiden sich von den Gangstern nur dadurch, dass sie Anstand vorgaukeln und versuchen, sich an Gesetze zu halten. Ansonsten stehlen sie, rauben andere aus, töten diejenigen, die sich ihnen in den Weg stellen.” (S. 534) Das klingt vielleicht zu polarisierend, ist hier aber dramaturgisch verdient: Siembieda hat seine Figuren in eine Geschichte gestellt, dass solche Sätze nicht behaupten, sondern bezeugen können.

Politiker drehen ihr Fähnlein nach dem Wind, wer heute Freund ist, kann morgen der Feind sein, und heimlich geschmiedete Allianzen reichen bis in die höchsten Etagen der Geheimdienste. Siembieda zeigt das nicht als Verschwörungstheorie, sondern als den nüchternen Aggregatzustand einer Epoche, in der ein Mensch für eine Tat, die ihm heute einen Orden einbringt, Jahre später vor einem Erschießungskommando landen kann.

Und dann die Beschreibung der Kriegsgreuel selbst. Hier findet der Autor Bilder, die sich tief ins visuelle Gedächtnis eingraben. „Durch die leeren Straßen weht nur ein zaghafter Frühlingswind, in dem die Gehenkten auf der Fußgängerbrücke in Grabówek baumelten. Auch die Zweige der umstehenden Linden hingen voll davon. Sie sahen wie gespenstische Eiszapfen aus, mit denen man die Bäume zu einem Höllenfest geschmückt hatte.” (S. 250) Solche Passagen zeigen, was Siembieda mit Sprache kann.

Überhaupt wechselt sie zwischen ironischer Leichtigkeit, melancholischer Dichte und journalistischer Nüchternheit, wenn historische Hintergründe erhellt werden müssen.

Ein winziges Beispiel für diese historische Genauigkeit ist die Beschreibung der Verstaatlichung der privaten Gastronomie Polens: sobald die Betriebe Staatseigentum wurden, gehörten sie niemandem mehr, die Vorräte wurden von der Verwaltung geplündert, Köche eingestellt, die nicht kochen konnten, und Kellner taten so, als erwiesen sie den Gästen eine Gnade. (S. 299) Gelebter Sozialismus, den ich hundertfach bestätigen kann.

Siembieda hält in seinem Roman alle Fäden beisammen, arbeitet mit Perspektivwechseln und kontrollierten Wiederholungen, sodass auch bei der Fülle der Figuren der Überblick nie verloren geht. Gelegentlich kippt er etwas ins Schwülstige.

Prolog und Epilog finden nach einem Showdown zusammen, der mehrfach überrascht, und es ist anzuraten, bis zum letzten Satz zu folgen. Der Titel ist dabei kein Versprechen ins Blaue: Katharsis steht hier für das aristotelische Versprechen, das gutes Erzählen einlöst. Emotionale Erschütterung, die in etwas Klarerem endet. Siembieda, grandios übersetzt von Ewa Krauss, löst es ein.

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