„Aber ich trage zu viel Wut in mir. Alles was glänzt, mache ich kaputt.“
Ein Roman, der da beginnt, wo das Leben einsetzt: im Körper einer Frau, im Vorsprachlichen, im Ursprungsraum vor aller Erinnerung. Lilli Tollkiens Debüt beginnt im Uterus. Lale wird in eine Welt geboren, die nicht auf sie gewartet hat, und der Roman hält diese Ausgangsbedingung mit aller Schwere bis zur letzten Seite durch.
Die Erzählstimme ist die eines heranwachsenden Kindes: naiv, lakonisch, oft unemotional, mit einem Abstand zur eigenen Erfahrung, der einer früh gelernten Notwendigkeit entspringt.
Wer keine verlässliche Außenperspektive auf das eigene Leben hat, lernt, sich selbst zu beobachten wie von weit weg. Tollkien schreibt diese Dissoziation in die Syntax ein. Gewalt und Missbrauch erscheinen in Nebensätzen, unkommentiert, ohne emotionalen Rahmen. Dass ein Satz, der das Bett eines Kindes beschreibt, beiläufig das enthält, was er enthält, trifft gerade deshalb so hart, weil er nicht darauf besteht, gehört zu werden.
Das Milieu ist eine Männer-WG der politischen Linken, im Berlin der Achtziger, und Tollkien lässt sich Zeit, diesen Ort präzise auszumessen:
„Der Geruch meiner Kindheit setzt sich zusammen aus Schwarzer-Krauser-Tabak, Bier und stockiger Wäsche. Aus Sperma, Haschisch und Überbackenem.”
Das Geruchsinventar der Kindheit führt dem Lesenden das Leben in der Männer-WG schonungslos vor Augen. Die Männer dieser WG halten an hohen Idealen fest, gehen nach Nicaragua, sympathisieren mit der RAF, haben aber keinen Blick übrig für die Schutzlosigkeit des ihnen anvertrauten Kindes. Ganz im Gegenteil: Sie missbrauchen dieses Kind physisch wie psychisch.
Dass Lale die Schule als einzigen Ort der Verlässlichkeit erlebt, während zu Hause Pornos, Drogen und Alkohol konsumiert werden, macht die Vernachlässigung dieses kleinen Mädchens mehr als deutlich. Überhaupt findet sie dort nur einen Platz, weil das Pflegegeld als stabile Einnahme dient, um das Leben der Männer zu finanzieren. Kaum einer von ihnen geht einer geregelten Tätigkeit nach. Die Mutter ist ein Junkie und kaum präsent im Leben ihres Kindes.
Was Tollkien in den frühen Kapiteln aufbaut, folgt einer akkumulativen Logik: Vernachlässigung, Missbrauch und emotionale Willkür schichten sich auf. Anklägerisch wird der Text dabei nie. Dies entspringt keiner Zurückhaltung, sondern ist Methode, um zu zeigen, weshalb Lales Entwicklung so verläuft, wie sie verläuft. Ihre Chancenlosigkeit, sich zu schützen, die tiefe Angst und Unsicherheit, die daraus resultieren, und gegen die sie anzukämpfen versucht.
Das erzählende Ich hat kaum je die Sprache der Empörung gelernt, weil niemand empört war, selbst wenn es am nötigsten gewesen wäre. Nicht einmal die staatlichen Stellen des Jugendschutzes erhoben ihre Stimme.
Der eigentliche Gegenstand des Romans ist das Fehlen von Orientierung, welches ein Trauma auslöst. Jeder Versuch, Halt zu finden, läuft ins Leere: Die Schule gibt kurz Struktur, bricht dann weg. Freundschaften bieten sich an, zerbrechen aber an fehlendem Abstand, da Lale sich zu bloßen Kopien der Freundinnen und Freunde entwickelt.
Beziehungen scheitern an Lales Unvermögen zu vertrauen, in erster Linie sich selbst zu vertrauen. Jede Beziehung beinhaltet eine Variation desselben Musters: Nähe suchen, Verlust fürchten, Selbstauflösung riskieren.
Lale schlüpft in fremde Häute, andere Diagnosen, andere Menschen, weil sie sich selbst nicht orten kann. Kein einziger Erwachsener im Roman funktioniert als Orientierungspunkt. Keine Strategie wurde ihr vermittelt, die auf der Grundlage von Werten und Regeln zur Stabilität geführt hätte. Sie hat sie sich aus dem Chaos notdürftig selbst zusammengebaut, scheitert aber an jeder Belastung.
Lilli Tollkien legt ein Debüt vor, das keine Distanz duldet und keine Auflösung verspricht. Dass dieser Roman trotzdem keine Aussichtslosigkeit als Leseerfahrung hinterlässt, liegt an der Konsequenz seiner Sprache: Die lakonische Präzision, mit der Tollkien schreibt, ist selbst schon eine Haltung. Sie benennt, was war, ohne es zu verwalten. Das ist mehr, als die meisten Romane über Kindheit und Überleben leisten. Es ist ein Roman, der mit einem Satz, beiläufig in einer Geschichte geäußert, den Herzschlag aussetzen lässt.



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