„Geschwister“ von Moa Herngren

„Geschehen ist geschehen und gesehen ist gesehen,“ S.421

Familien sind Archive. Jedes Mitglied verwaltet ein eigenes Exemplar. Dasselbe Ereignis, denselben Vater, dieselbe Kindheit. Und weil niemand ins Archiv des anderen schaut, entstehen mit der Zeit drei, vier vollkommen verschiedene Versionen einer einzigen Wirklichkeit. Moa Herngren macht daraus Literatur.

„Geschwister“ ist der dritte und abschließende Band ihrer thematisch zusammenhängenden Trilogie über familiäre Bruchstellen – nach „Scheidung“ und „Schwiegermutter“ und zugleich ihr stärkster. Die Bände sind inhaltlich unabhängig voneinander, teilen aber Herngrens charakteristische Handschrift: multiple Perspektiven, pointierte Dialoge, eine fast klinische Aufmerksamkeit für die kleinen Verrätereien menschlichen Verhaltens.

Ulrika, Andrea und Rasmus wachsen in einem dysfunktionalen Elternhaus auf. Was sie miteinander verbindet, ist zunächst weniger eine Kindheit als eine Kampfzone und die Waffe, um die gestritten wird, heißt väterliche Liebe. 

Der Vater verteilt sie nicht als konstante Größe, sondern als Belohnung und Entzug: Ulrika erhält sie zuerst, verliert sie durch einen einzigen, in seinen Augen falschen Schritt. Andrea tritt an ihre Stelle, fraglos und selbstverständlich. Rasmus kommt zu spät under entspricht von Beginn an nicht den Anforderungen des Vaters.

Was die Entwicklungspsychologie über Geburtsreihenfolge in großen Kohortenstudien mühsam erarbeitete, zeigt Herngren in drei Romanfiguren in destillierter Form und kehrt es dabei diskret auf links. Nicht die Erstgeborene übernimmt die Rolle der Pflichtbewussten und Führungsstarken, sondern Andrea, das mittlere Kind, dem die Forschung eigentlich Diplomatie und Vermittlungsfähigkeit zuschreiben würde.

Rasmus, der Jüngste, ist derjenige, der ständig zwischen den Fronten steht und dabei selbst konturlos bleibt, aufgerieben von zwei Schwestern, denen er sich fast gleichermaßen verpflichtet fühlt. Und Ulrika, die Erstgeborene? Risikofreudig, kreativ, mit einem Hang zum Chaos – genau so, wie die Wissenschaft eigentlich den Jüngsten beschreibt.

Herngren interessiert sich nicht für Typen. Sie interessiert sich für die Wunden, die Typen erst erzeugen.

Der Tod des Vaters ist der Moment, in dem das Familienmobile, das zwar von Anbeginn an schon im Ungleichgewicht hing, neu austariert werden muss. Und in dem jeder seinen wahren Charakter zeigt. Andrea will die Führung übernehmen, kontrolliert nach außen, innerlich zu Wutausbrüchen neigend, rechthaberisch, grenzüberschreitend. Sie schließt aus, was sich ihrer Kontrolle entzieht: Mutter und Ulrika teilen ein Geheimnis, das Andrea nicht kennt.

Rasmus hingegen pendelt, unfähig, sich zu lösen, weil Andrea sich einst um ihn gekümmert hat und er ihre Zuneigung nicht riskieren will, selbst wenn der Preis dafür die eigene Integrität ist.

Was an diesem Roman besonders gelingt, ist die Mechanik des Paradigmenwechsels. Wer glaubt, eine Figur zu verstehen, wird im nächsten Abschnitt gezwungen, diese Einschätzung zu revidieren. Nicht weil Herngren ihre Figuren unberechenbar anlegt, sondern weil sie konsequent zeigt: Es gibt keine neutrale Beobachterperspektive in einer Familie. Jede Sicht ist parteiisch. Jede Version eine Schutzbehauptung.

Als Nebenschauplatz erscheint das Thema Pflege und es ist einer, den man sich merken sollte. Herngren schildert den Pflegealltag mit Präzision. Die knapp bemessene Zeit, die kaum mehr als Verwaltung zulässt.

Das Bild, das dabei entsteht fast ein Zitat treffend zusammen: „ …als wären Menschen keine Individuen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, sondern Meerschweinchen, denen man den Käfig neu, ein streut und frisches Futter hinstellen.“ Seite 315

„Geschwister“ ist ein aufwühlendes Buch. Eines, das im ersten und den letzten Teilen die Emotionen lodern lässt und einen mittleren Teil hat, der etwas weicher gerät. Aber das ist der Preis einer Konstruktion, die Stimmen braucht. 

Es zeigt, wie allgewaltig patriarchale Macht in ein Familiengefüge eingreift, nicht durch Gewalt, sondern durch Zuwendung und Entzug.

Am Ende steht eine Demaskierung, die sitzt. Und eine tiefe Befriedigung darüber, dass Herngren sich traut, keine der Figuren wirklich freizusprechen.

🐸 Mehr Rezensionen: , ,