„Solange ein Streichholz brennt“ von Christian Huber

„Wer kontrolliert, wie ein Bild gezeigt wird, kontrolliert dessen Wirkung“ S. 103

Christian Huber, dessen Debüt „Man vergisst nicht, wie man schwimmt“ ihn auf einen Schlag in die oberen Ränge der Bestsellerlisten trug, legt mit „Solange ein Streichholz brennt“ einen Roman vor, der seine Herkunft aus dem Medienbetrieb weder verleugnet noch ausstellt, sondern produktiv gegen sich selbst wendet. 

Der Plot ist schnell umrissen, und mehr als sein Gerüst soll auch nicht verraten werden: Alina, eine Fernsehjournalistin mit ins Stocken geratener Karriere, soll eine Reportage über Obdachlosigkeit drehen und gewinnt dafür Bohm, einen Mann, der seit Jahren auf der Straße lebt. 

Aus einer instrumentellen Begegnung wächst etwas, das der Roman selbst nicht vorschnell benennen will. Die eigentliche Frage, die Huber stellt, ist nicht die nach dem Ausgang dieser Annäherung, sondern eine grundsätzlichere: 

Kann aus einem kalkulierten Zugriff auf einen Menschen etwas Menschliches entstehen, ohne dass es im selben Moment wieder verwertet wird?

Bemerkenswert ist, mit welcher Sorgfalt Huber sein Figurenpaar anlegt, statt es zu Typen erstarren zu lassen. Auf der einen Seite Bohm, dessen innere Würde und handwerkliches Können sich in einem poetischen Nebenmotiv verdichten, den geschnitzten Holzmäusen; auf der anderen Alina, etwas schwächer gezeichnet, dennoch mit beruflichem Druck, deren innere Erschöpfung fein ausgearbeitet ist.

 Die eigentliche moralische Gegenfigur des Romans ist nicht der Obdachlose Bohm, sondern Jakob, der den zynischen Verwertungsblick des Medienbetriebs verkörpert. Die Szene, in der er Alina die künftige Premiere mit den stolzen Eltern ausmalt, ist ein präziser Moment manipulativer Empathieumlenkung und zeigt, wie genau Huber die Mechanik des Betriebs kennt, den er beschreibt.

Sprachlich verfügt Huber über ein Gespür für verdichtete, beinahe aphoristische Sätze. Die „Inventur der Mittellosigkeit“ (S. 11) oder das Bild der Kneipe, in der niemand weiter denkt „als bis zum nächsten Glas“ (S. 63), tragen seine soziale Beobachtung erläuterungslos. 

Die titelgebende Anspielung auf das Andersen-Märchen liegt nahe und stimmt atmosphärisch ein. Kälte, Hunger, das flüchtige Aufflackern von Wärme, und dahinter die Frage, wie lange Würde unter Existenznot zu brennen vermag. Wo der Roman seine Stärke ausspielt, da wird Obdachlosigkeit nicht romantisiert, sondern in ihrer zermürbenden Alltagslogik gezeigt, etwa in der knappen Bilanz „Kein Schnaps, kein Schlaf“ (S. 133) oder in der Selbstmedikation mit gestohlenem Tramadol. 

Analytisch am dichtesten ist die Reflexion über die Bildmacht, „Wer kontrolliert, wie ein Bild gezeigt wird, kontrolliert dessen Wirkung“ (S. 103), klug verankert in einer Erinnerung an Alinas Schulwettbewerbsfoto und später, im Vorlesen eines Briefes, den Bohm hatte verbrennen wollen, schmerzhaft umgekehrt.

Die Schwächen des Buches liegen dort, wo es seine eigene Härte verrät. An den Berührungsstellen zwischen Bohm und Alina kippt der Ton bisweilen ins Märchenhafte und verliert jene soziale Schärfe, die den Stoff eigentlich trägt. 

Am wenigsten überzeugt der vierte Teil, und zwar nicht in einem einzelnen Strang, sondern in seiner Anlage. Der Autor will hier zu viel, drängt auf Versöhnung und verliert dabei insgesamt an Glaubwürdigkeit. Die Medienkritik ist es nicht, die hier nachgibt, im Gegenteil, sie bleibt scharf und sicher gezeichnet; es ist die zu rasche, zu gefällige Wendung seiner Figuren, der man die innere Notwendigkeit nicht recht abnimmt.

Allerdings beherrscht Huber die Klaviatur der Gefühle, doch er spielt sie zum Ende hin eine Spur zu virtuos und riskiert dort den Kitsch, den er an anderer Stelle so sicher vermeidet.

Am stärksten ist „Solange ein Streichholz brennt“ in seinen Schlüsselszenen. Die Senderszene legt schonungslos offen, worum es dem Fernsehbetrieb geht, nicht um den Menschen selbst, sondern um Ekel, Mitleid und die Selbsterhöhung des Zuschauers, bis hin zum zynischen Opfer-Gedanken.

Daniels Vorgeschichte, die in neun kurzen Teilen erzählt wird, rekonstruiert mit kühler Präzision den Weg in den Abgrund. Die generationenübergreifende Spiegelung trägt diesen Teil. Das Feuer als Auslöser der Flucht, passt hervorragend zur Streichholz- Symbolik, die sich konsequent durch das gesamte Buch zieht.

So bleibt am Ende ein zwiespältiger Eindruck. Wo Huber der sozialen Härte seines Stoffes vertraut und auf die märchenhafte Weichzeichnung verzichtet, gelingen ihm Szenen von erheblicher Wucht und ein medienkritisch wacher Blick, der seine eigene Profession nicht schont. 

Wo er den Gefühlen nachgibt, verliert der Roman an Glaubwürdigkeit, ohne seine Lesenden zu verlieren. Ein Pretty-Women-Effekt entsteht. Ähnlich wie im vorgenannten Film, kann man diesem Roman bei jeder Manipulation zusehen und sich ihr dennoch überlassen. Durchschaut und doch berührt. 

Wobei eine Anmerkung zu machen wäre: Der Roman behandelt zwar die verlassene Frau anständiger als viele Vergleichstexte, weil er ihr ein selbstbestimmtes Danach zugesteht und auf Versöhnung verzichtet. Aber er bleibt ein Roman über den Mann, der geht, nicht über die Frau, die bleibt. Die eigentlich härtere, weniger erzählbare Geschichte, das Bleiben, der zähe Alltag danach, überlässt er der Leerstelle.

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