Zum 100.Geburtstag dieser brillianten Intellektuellen
Dieses unruhige Ich – Dieter Burdorfs neue Bachmann-Biografie zum Jubiläum
Am 25. Juni 2026 jährt sich Ingeborg Bachmanns Geburtstag zum hundertsten Mal, und druckfrisch zu diesem Datum legt der Literaturwissenschaftler Dieter Burdorf bei C.H. Beck eine Biografie vor, die sich nicht nur durch ihren Umfang von 764 Seiten als gewichtige Stimme im Jubiläumsreigen positioniert.
Burdorf ist Professor für Neuere deutsche Literatur in Leipzig und hat bei C.H. Beck bereits eine Hölderlin-Biografie vorgelegt.
Schon der Titel programmatisch: Dieses unruhige Ich. Es ist Bachmanns eigene Selbstbeschreibung, und Burdorf nimmt sie beim Wort. Die brillante Intellektuelle, der Shootingstar der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, deren Name bis heute einen der bedeutendsten Literaturpreise trägt, war eine Frau, die sich nicht festlegen ließ.
Eine, die sich alle Möglichkeiten offenhielt, deren Lebensdurst nicht nacheinander, sondern nebeneinander gestillt werden musste, was Partnerschaften regelmäßig sprengte. Mit 23 Jahren promovierte sie in Philosophie und Psychologie, arbeitete parallel als Journalistin, publizierte erste Gedichte, überwand Ländergrenzen mühelos und oft unvorbereitet.
Diese Unruhe hatte ihren Preis, aber auch ihren Gewinn: Bachmann bewegte sich in vielfältigen literarischen und kulturellen Kreisen, und ihre Biografie lässt sich, wie Burdorf in der Einleitung notiert, nur in eben diesen verzweigten Konstellationen verstehen, „in diesen verzweigten Briefnetzwerken und in etlichen Ländern” (S. 13).
Auch sprachlich war Bachmann eine Verwandlungskünstlerin. Im Schriftverkehr stellte sie sich auf den Adressaten ein, schlüpfte in immer wieder andere Rollen, konnte sich, so Burdorf, sogar in Echtzeit janusköpfig zeigen.
Eine Bachmann-Biografie linear zu erzählen, hält er deshalb für unmöglich; viele biografische Details bleiben ungeklärt, dokumentarisches Material liegt teils noch unter Verschluss. Es gibt, mit Burdorf gesprochen, noch viel Terra incognita.
Das Inhaltsverzeichnis listet kleinteilig die Stationen dieses unsteten Lebens: die österreichische Kindheit und Jugend im Schatten des Nationalsozialismus, die Wiener Jahre mit Ilse Aichinger und Günter Eich, die großen Freundschaften und Liebesbeziehungen, Berlin, Prag, Ägypten und schließlich Rom, wo Bachmann 1973 starb.
Ebenso konsequent wendet sich Burdorf dem Werk zu: der Lyrik und Prosa, den Reden und Essays, vor allem dem 1971 erschienenen Malina, jenem Roman, der Bachmanns festen Platz in der Kulturwelt markierte.
Weil das Buch jene Zeit und Aufmerksamkeit verlangt, die ich ihm derzeit nicht in vollem Umfang widmen kann, habe ich mir zwei Passagen besonders vorgenommen, die mir Schlüssel zu Burdorfs Methode scheinen: die Einleitung und das Kapitel über Paul Celan ab Seite 131.
Die Begegnung mit Celan, die als Liebe ihres Lebens gilt, beginnt im Mai 1948 in Wien. Er überschüttet die 21-jährige Bachmann mit Mohnblumen, doch was so euphorisch beginnt, gerät rasch in jenes Geflecht aus wechselseitigen Enttäuschungen und parallelen Liebesverhältnissen, das die Beziehung von Anfang an grundiert.
(R: Geheiratet haben Bachmann und Celan einander nie; Celan heiratete 1952 die Grafikerin Gisèle de Lestrange. Was blieb, war ein fast zwanzigjähriger Briefwechsel mit langen Phasen des Schweigens und einem Bruch 1961, der inzwischen unter dem Titel Herzzeit (Suhrkamp 2008) zugänglich ist.)
Wenige Jahre nach dem Bruch mit Celan tritt 1958 Max Frisch in Bachmanns Leben. Im Mai jenes Jahres hört Frisch in Hamburg Bachmanns Hörspiel Der gute Gott von Manhattan und schreibt ihr einen begeisterten ersten Brief; mit ihrer Antwort im Juni 1958 beginnt eine Korrespondenz, die rund 300 überlieferte Schriftstücke umfasst und vom Kennenlernen bis lange nach der Trennung Zeugnis ablegt vom Leben, Lieben und Leiden eines der bekanntesten Paare der deutschsprachigen Literatur.
Vier Jahre leben sie zusammen, mal in Zürich, mal in Uetikon am See, mal in Rom, in einer Beziehung, die beiderseits von Affären begleitet wird, von wechselseitigen Missverständnissen, enttäuschten Hoffnungen, unzähligen Entfremdungen und Brüchen, auf die jeweils eine Versöhnung folgt, bis das nicht mehr gelingt.
Geheiratet haben die beiden nie, obwohl manche Gerüchte das behaupteten; die Trennung 1962 stürzt Bachmann in eine tiefe psychische Krise, von der sie sich nicht mehr erholt.
Burdorf hat den seit 2022 publizierten Briefwechsel Wir haben es nicht gut gemacht ausgewertet und zeichnet diese Jahre in jener differenzierten Genauigkeit nach, die schon seine Celan-Passagen auszeichnet.
Burdorfs Stärke liegt in der Verbindung von biografischer Genauigkeit und literarischer Deutung. Er liefert geschichtliche Hintergründe, erläutert die Bedeutung einzelner Gedichte und Briefe, setzt Querverweise, ohne den erzählerischen Faden zu verlieren.
Es ist eine unglaubliche Wissensfülle, die er bewegt, gut lesbar und differenziert dargeboten.
Wo Burdorfs Buch sich von früheren Annäherungen unterscheidet, lässt sich erst nach vollständiger Lektüre seriös sagen; mein Eindruck nach den herausgegriffenen Passagen ist jedoch: Hier schreibt jemand, der nicht nur das Leben rekonstruieren, sondern das Werk daraus verständlich machen will.
Ein Buch, wie ein Museum, dass man immer wieder neu betreten kann.
(R: Neben Burdorf erscheinen 2026 weitere Bachmann-Biografien, etwa von Andrea Stoll (Piper) und Ingeborg Gleichauf (AVIVA), was den Vergleich reizvoll macht.)



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