„Wenn Vater an den Maschinen arbeitet, trinkt er keinen Schnaps.“S.148
Manchmal kommt die Post nicht an. Manchmal kommt sie zurück. Und manchmal kommt sie als Schuber mit drei Bänden, die ungelesen im Regal verstauben, bis sie Jahrzehnte später entsorgt werden.
Mit einer solchen Geste der unbeantwortet bleibenden Annäherung an den großen Bruder im Geiste beginnt etwas, das später ein kreatives Leben werden wird, auch ein Schreibleben mit Brüchen, mit Unterbrechungen, mit der späten Wiederaufnahme einer Stimme, die zwischenzeitlich verstummt war.
Andreas Fischer, Jahrgang 1961, Filmemacher mit Werken über Kriegsfolgen und transgenerationale Verletzungen, hat 2022 mit „Die Königin von Troisdorf” eine literarische Aufarbeitung seiner Familiengeschichte vorgelegt.
Mit „Böll kam nicht bis Troisdorf”, im Mai 2026 in seinem eigenen Berliner eschen 4 verlag erschienen, folgt nun ein schmaler Band autofiktionaler Erzählungen, der einen anderen, jüngeren Andreas in den Blick nimmt: den 18-Jährigen im Jahr 1979, der Schriftsteller werden will und nach einem Mentor sucht.
Die Geschichte beginnt mit einem Brief. Der junge Andreas schickt seine Gedichte und Kurzgeschichten an Heinrich Böll, in jener Mischung aus Naivität, Hoffnung und Vermessenheit, die nur jungen Schreibenden eigen ist. Er hofft auf Antwort, auf Anerkennung, vielleicht auf eine Schule des Sehens und Schreibens.
Was kommt, ist schon beschriebener Schuber: drei Bände vom Nobelpreisträger, kommentarlos. Eine Geste, die als großzügig gemeint sein mag und als Zurückweisung ankommt. Die Bücher bleiben ungelesen.
Wo Böll schweigt, scheint der Dichter Frieder Salzgraf zu sprechen. Er zieht nach Troisdorf, bietet einen Kurs für kreatives Schreiben an, und Andreas geht hin. Salzgraf, im Buch ehemaliges Mitglied der Gruppe 47, Lyriker mit eigenem literarischen Renommee ist eine widersprüchliche Mentorenfigur: einerseits zugewandt und im Lob großzügig, andererseits von dunklen Seiten gezeichnet, die das junge Vertrauen erst aufbauen und dann erschüttern.
Andreas erlebt im Schreibkurs sein erstes literarisches Hoch, das Lob des Meisters für eine Kurzgeschichte, die ersehnte Anerkennung.
Er bleibt im Dunstkreis des Verehrten, bis dieser Dunstkreis sich verdunkelt, bis Salzgrafs verstörendes Verhalten die Flamme der Verehrung austritt. Das Schreiben verstummt für lange Zeit. Erst im Alter, mit dem Abstand von Jahrzehnten und der Erfahrung eines ganzen Berufslebens als Filmregisseur, kehrt Fischer zur eigenen Sprache zurück und kann mit dem Gewesenen abrechnen.
Diese Konstellation, der schweigende Gigant Böll und der zunächst zugängliche, dann ernüchternde Salzgraf, bildet das thematische Rückgrat des Bandes. Es geht um die Suche nach Vorbildern und um das, was Vorbilder anrichten, wenn sie an ihre eigenen menschlichen Grenzen stoßen. Götter stolpern und fallen.
Fischer erzählt das mit einer eigentümlichen Mischung aus Nachsicht und Klarheit, die sich der Autor erst über die Jahre erarbeiten konnte.
Erzählt wird nicht linear. Neben dem 18-Jährigen steht der 64-Jährige von heute, dazwischen der berufserfahrene Filmregisseur in der Arbeit am Stoff seiner eigenen Vergangenheit.
Die Geschichten erscheinen wie kleine Polaroids, manche zum Schmunzeln, manche verstörend, alle in pointierter Schreibweise vorgetragen. Kein Adjektiv zu viel.
Fischer zeichnet ein Lebensgefühl, das stark an die alte Bundesrepublik gebunden ist. Lange Haare, Flickenjeans, Parka, die Uniform der 80er.
Erste Liebe, erste Unsicherheiten, die Suche nach Zugehörigkeit. Dazwischen Episoden aus Familienkonstellationen, die von Krieg und Sprachlosigkeit geprägt sind: der trinkende Vater, der nur in seiner Werkstatt, an den Maschinen, nicht trinkt.
Eine Beobachtung von einer Genauigkeit, die mehr über eine Vater-Sohn-Beziehung aussagt als ganze Kapitel. Und beinahe unterirdisch verbindet sich diese Vaterfigur mit dem späteren Mentor: zwei Männer, die der Suchtgriff nach dem Glas zeichnet, und in deren Schatten ein junger Mann seine eigene Sprache zu finden versucht.
Neben den Erzählungen finden sich Gedichte, eingestreute Zeitzeugnisse, die Abbildung einer Beuys-Postkarte, ein Rezept für einen russischen Hackfleischtopf, Fotografien. Diese dokumentarischen Einschübe, diese Verschränkung von Erzähltem und Bewahrtem, von Erinnerung und Archiv, geben dem Band eine Wahrhaftigkeit.
Auch andere Köpfe bevölkern den Band, etwa der WDR-Talkmaster Wolfgang Korruhn, dem Fischer zubilligt, sogar die eigene Beerdigung geschwänzt zu haben, eine jener Pointen, in denen das Komische und das Wehmütige nicht voneinander zu trennen sind. Vieles, was damals funktionierte, würde heute nicht mehr funktionieren. Fischer hält diese Welt nicht nostalgisch fest, sondern in ihrer Widersprüchlichkeit: die Möglichkeiten, die sie bot, und die Begrenzungen, die sie auferlegte.
Was den Band trägt, ist die Beobachtungsschärfe eines Autors, der zugleich Bildermacher ist. Filmische Sehgewohnheiten finden in die Prosa Eingang, Alltagsgeschichten kippen unversehens in einen Plottwist, ins Inkongruente, ins Andere als das Erwartete. Fischer beherrscht die Kunst der kleinen Form, ohne sie zur Anekdote zu verkleinern.
Ein schmales Buch, ein überraschendes. Es erzählt von einem, der auszog, Anerkennung zu finden, und der unterwegs lernen musste, Enttäuschungen wegzustecken.



[…] „Dieser Band ist keine späte Gedenkplatte, sondern ein Monsterbrillant aus dem Tiefsee‐Schatz der deutschsprachigen Literatur: 15 Geschichten, die zeigen,…