„Widdersehen“ von Leonie Swann

Und was wie die Weide riecht, muss die Weide sein. Seite 28 

Sechzehn Jahre nach „Garou” und gut zwei Jahrzehnte nach dem Erfolg von „Glennkill” kehrt Leonie Swann zu ihrer berühmten Herde zurück. „Widdersehen”, erschienen im April 2026 bei DuMont, ist der dritte Band einer Reihe, die seinerzeit ein literarisches Kunststück war und es geblieben ist: ein Krimi, erzählt aus der Perspektive von Schafen, der zugleich Gesellschaftsroman, philosophische Versuchsanordnung und subtiler Humorroman sein will, und dem das auch wieder gelingt.

Othello, der Leitwidder, hat zu Beginn eine klare Haltung. Probleme sind, schlicht, zum Fressen da. „Dort, wo genug Schafe waren, konnten sich schon aus Platzgründen keine Probleme mehr breitmachen” (S. 88), heißt es an einer der vielen Stellen, an denen Swann ihre Schafe im Brustton naiver Überzeugung Sätze formulieren lässt, die sich beim zweiten Hinsehen als kleine philosophische Betrachtungen entpuppen. 

Was zunächst nach Herdenroutine klingt, gerät rasch ins Wanken: Die Wanderschafe, die mit ihrer Schäferin Rebecca durch Frankreich ziehen, werden nach einem rätselhaften Anruf von Rebeccas komischen Kommunikationsapparat kurzerhand verladen und zurück nach Irland auf die heimische Weide gebracht. 

Dort verschwindet Rebecca spurlos.

Der Fall, in den die Herde gerät, beginnt mit dem Moment, in dem das klügste Schaf der Herde Miss Maple sich in den Schäferwagen wagt. 

Was sie dort findet, ist ein Finger. 

Finger, so die verlässliche Beobachtung der Schafe, hängen „traditionell am Menschen” (S. 47), und zwar in Fünfergruppen. Dass dieser hier allein und losgelöst auftaucht, kommt ihr verdächtig vor. 

So ziehen sie los und suchen ihre Schäferin.

Dabei bleibt nicht bei diesem einen Fund, ein zweiter folgt, und schließlich treffen sie auf einen Mann, dem ein Finger fehlt. Sie setzen ihm einen Vogelscheuchenhut auf und küren ihn zu ihrem Interimsschäfer Theseus. 

Was sich entspinnt, ist eine Geschichte um Geld, Drogen und Gedächtnislücken, deren Auflösung hier nicht verraten werden soll.

Was Swanns Schafskrimis von Anfang an ausgemacht hat, ist die konsequent durchgehaltene Schafsperspektive, und „Widdersehen” zeigt, dass dieses Verfahren nichts von seiner Frische verloren hat. 

Die Welt der Menschen erscheint als Übersetzungsproblem, und die Übersetzungen, die die Schafe vornehmen, legen die Absurdität menschlicher Verhältnisse offen. 

Es entsteht ein doppelter Blick: Wir lesen, wie die Schafe die Welt sehen, und werden dabei auf unsere eigenen Selbstverständlichkeiten zurückgeworfen. Dass die Herde mit „Wollidaritär” und „Mähkratie” eine eigene Begriffswelt entwickelt, ist mehr als sprachliche Spielerei. Wer hier zwischen Komik und Kommentar trennen will, muss die Fronten von Mensch und Tier neu sortieren, und genau das ist die produktive Verstörung, die Swann seit „Glennkill” gelingt.

Die Figurenzeichnung bleibt eine Stärke der Reihe. Miss Maple, das klügste Schaf von Glennkill, ermittelt mit der ihr eigenen, leicht verschlagenen Klugheit. Othello führt seine Herde mit einer Kompetenz, die einen wünschen lässt, solche Vorgesetzten gäbe es im menschlichen Berufsleben häufiger. Neu hinzugekommen ist Madouc, offiziell Ziege, inoffiziell „Schaf auf Probe”, deren Außenperspektive auf die Herde zusätzliche Reibung erzeugt. 

Der Schafsplan, so heißt es einmal, bestehe traditionellerweise aus „Weiden, Wittern oder Wollen”, und in dieser kleinen Trias steckt Swanns Methode: Beobachtung, Intuition, Beharrlichkeit. Die Schafe sehen das Offensichtliche, weil sie nicht gelernt haben, es zu übersehen.

Swann gelingt im dritten Band, was schon „Glennkill” auszeichnete und was der NDR seinerzeit als „flott, mit Witz, poetischem Feingefühl und philosophischer Tiefe” beschrieben hat. Die Kombination aus Naivität und hellsichtiger Klugheit, aus Brotacker-Phantasien und scharfsinnigen Einsichten über Vogelscheuchen, ist wieder sehr erfrischend. 

Die freche, manchmal bittere Ironie hält der menschlichen Welt einen Spiegel vor, Wer „Widdersehen” liest, ertappt sich beim stillen, zustimmenden Mäh, und genau das ist die Wirkung, auf die dieser Roman zielt: Erkenntnis durch entwaffnende Naivität, Welterklärung durch Schafsschläue.

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