„Einatmen – Ausatmen“ von Maxim Leo

„Was würden die Yoga – Lehrer dieser Welt, ohne die vielen traurigen Frauen tun, die von überall herbeiströmen, um auf dünnen Schaumstoffmatten Trost zu finden? Schaumtrostmatten, sagte Marlene…“ Seite 94

„Glücksberatung, Trauma-Response, ganzheitliche Optimierung und energetische Aufladung.” Wer bei dieser Aufzählung schon freudvoll stöhnt, ist bei Maxim Leos neuem Roman genau richtig oder zumindest in bester Gesellschaft. 

Denn Marlene Buchholz, die hartgesottene Spitzenmanagerin des Aviola-Konzerns, stöhnt noch viel lauter.

Sie ist Ende dreißig, lebt für den Job und hält ihre Mitarbeitenden durch die unterschwellige Verbreitung von Angst auf wohltemperiertem Abstand. Die Grundidee von Urlaub hat sie nie verstanden. Kurz: ein Mensch, für den das Wort Misanthropie eigens erfunden wurde. 

Und ausgerechnet sie soll, bevor der Aufsichtsrat sie zur neuen CEO kürt, ein zweiwöchiges Achtsamkeitstraining in einem Brandenburger Schloss absolvieren. Marlene nennt es, mit der ihr eigenen Präzision, ihre „Umerziehungsanstalt”.

Ihr Gegenüber ist Alex Grow, der Name trägt bereits den Imperativ in sich, ein gefeierter Seelenflüsterer, der selbst mit einigen inneren Teufeln kämpft und sie selbst die Sinnfrage stellt. 

Zwei Menschen, die einander brauchen und sich dennoch mit der Energie zweier Hochdrucksysteme begegnen. 

Leo hat für diese Konstellation einen sicheren Instinkt: Der blinde Fleck des Heilers und die gepanzerte Oberfläche der Geheilten-wider-Willen erzeugen eine Reibungswärme, die den Roman vorantreibt.

Was Leo dabei gelingt, ist bemerkenswert und was ihm nicht gelingt, auch.

Auf der Habenseite steht zunächst ein feines Gespür für die Sprache des modernen Seelenbetriebs. Wer nicht faul ist, sondern prokrastiniert; wer nicht unkonzentriert ist, sondern am Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom leidet; wer im Job nicht inkompetent ist, sondern unter einem verkannten Hochstaplersyndrom leidet, diese kurze Inventur des therapeutischen Euphemismen-Zoos (S. 38) ist von köstlicher Treffsicherheit. 

Leo kennt dieses Milieu, und er schreibt darüber mit der Haltung eines wohlwollenden Ethnologen aber immer amüsiert, nicht verächtlich.

Auch die Szene um eine Familienaufstellung gehört zu den stärkeren Passagen des Buches, frappierend in ihrer Genauigkeit, und einer jener Momente, in denen der Roman tatsächlich mehr ist als leichte Unterhaltung.

Doch auf der Sollseite stehen Klischees, die der Autor nicht immer zu überwinden vermag. Das Buch kommt, trotz allem Witz, nicht ganz vorbei an den absichtsvollen Allgemeinweisheiten der Yoga-Jünger. Jener Sätze, die so tiefgründig klingen wie flaches Wasser. „Ein Weg entsteht, wenn man ihn geht” (S. 104)

Solche Stellen, und es gibt ihrer einige, gehen im Roman leider auf Kosten der Figuren.

Leo ist ein Autor, der sein Handwerk beherrscht. Sein Schreibstil ist flüssig und pointiert, sein Blick auf gesellschaftliche Strömungen geschärft durch journalistische Jahre. 

Einatmen. Ausatmen ist eine leichte, luftige Geschichte, die zum vergnüglichen Lesen vollkommen genügt und den ein oder anderen tieferen Gedanken führt.

Was bleibt, ist ein Roman, der seinen Lesenden genau das bietet, was er verspricht: Atmen, ein paar Stunden angenehme Gesellschaft, einen wohlplatzierten Lacher, und hin und wieder, an den besten Stellen, einen überraschenden Moment der Wiedererkennung. 

Eine nicht ganz ernstzunehmende Sinnsuche, mit einigen tiefen Stellen im flachen Gewässer.

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