Sie waren nicht geizig, „abgesehen von ihrer Zuneigung.“ S.37
Ein warmer Novembertag in Delaware neigt sich dem Ende zu. Die Luft ist mild, der Himmel milchig, und Kathy Beckett treibt im Gemeinschaftspool einer etwas heruntergekommenen Wohnanlage.
Sie trägt ihren rostroten College-Badeanzug, der in ihre fleischigen Schultern schneidet und dessen Stoff an manchen Stellen bereits etwas müde wirkt.
Dieses Untertauchen im Pool hat wenig von einem Badeausflug. Es ist eher der stille Auftakt zu einer weiblichen Rebellion.
In „Es geht mir gut“ von Jessica Anthony beginnt alles mit diesem unscheinbaren Poolausflug.
Eine Frau entzieht sich damit dem Alltag. Kinder, Küche, Ehemann – all das bleibt an diesem Novembertag am Beckenrand zurück. Kathy plantscht und hört Radio. Die Russen haben Sputnik 2 ins All geschossen. Zum ersten Mal umkreist ein lebendiges Wesen die Erde: die Hündin Laika.
Während das Tier im Orbit seine Kreise zieht, lässt Kathy ihre Gedanken durch Vergangenheit und Ehe treiben; ein innerer Strom von Erinnerungen und Fragen setzt ein.
Kathy war einmal auf dem Vormarsch. Sie hätte in jungen Jahren vielleicht Wimbledon oder die Australian Open aufmischen können. Turniere hatte sie bereits gewonnen; ihr Name hing in der Hall of Fame ihres Colleges. Ihr Leben schien damals klar vorgezeichnet, zielgerichtet und voller Möglichkeiten.
Dann kam ein erstes Intermezzo mit ihrem Tennislehrer Billy, eine kurze Affäre, die alles ins Wanken brachte und schließlich durch einen schmierigen Manager unschön beendet wurde.
Zeitgleich tauchte Virgil Beckett auf.
Virgil ein schöner, eigentümlich ambitionsloser Mann. Einer, der sich nicht wirklich anstrengt, weder für Geld noch für Zukunftspläne. Jemand, der die Dinge eher geschehen lässt, als ihnen entschlossen nachzugehen.
Kathy weiß das alles. Vielleicht erkennt sie gerade deshalb etwas von sich selbst in ihm: dieses Gefühl, irgendwie nicht ganz in die erwartete Ordnung zu passen.
Er ist eine schöne Fassade ohne große Überraschungen, Sie heiratet ihn.
Anthony erzählt die Geschichte abwechselnd aus den Perspektiven von Kathy und Virgil. Wir gleiten in ihre Gedanken hinein wie Beobachter, die mal der einen, mal der anderen Stimme folgen.
Und schnell wird klar, ihre Wahrnehmungen sind selten deckungsgleich.
Die Sichtweisen der beiden überlagern sich und stoßen immer wieder aneinander.
Komische Momente entstehen aus klassischer innerehelicher Nichtkommunikation.
Doch auf den zweiten Blick sind sie weniger gegensätzlich, als sie glauben. Beide entscheiden sich an marginalen Punkten ihres Lebens lieber für den sicheren, vertrauten Weg, statt ein Abenteuer zu riskieren. Was nicht heißt, dass sie der ein oder anderen Versuchung erliegen.
Für Kathy besteht das Leben aus kleinen Wiederholungen. Eine Ehe erscheint ihr wie ein Sicherheitskonzept, das zwar gewünscht ist, aber dennoch den Wunsch in sich trägt, diesem Rhythmus zu entkommen. Anthony beschreibt diesen inneren Drang psychologisch fein und mit erstaunlicher Nüchternheit.
Auch Virgil denkt über Veränderung nach. Doch seine Gedanken bleiben ebenso ambivalent und widersprüchlich. Er wirkt wie jemand, der spürt, dass er handeln müsste und doch genau seine Grenzen kennt.
Der Roman steuert schließlich auf eine Szene zu, in der Kathy die Initiative ergreift. Mit feiner Präzision manövriert sie Virgil in eine Lage, aus der er kaum noch entweichen kann. Ihre kleine Revolte verunsichert ihn und bringt sein gewohntes Gleichgewicht ins Wanken.
Die Ehe der Becketts gerät in eine Zerreißprobe zwischen Gehen und Bleiben, zwischen Abenteuer und Routine. Zwischen Lieblosigkeit und einer merkwürdig zarten Form von Liebe.
Und über allem kreist, wie eine leise Allegorie des Sputnik.
Etwas Neues beginnt. Die Zukunft startet mit großem Pathos, aber auf Kosten eines anderen. In diesem Fall auf Kosten der Hündin Laika, die zum Opfer des Fortschritts wird.
Auch im Leben der Becketts kündigt sich Veränderung an. Doch wie bei jeder riskanten Entscheidung stellt sich die Frage: Wer zahlt am Ende den Preis? Und lohnt sich ein Opfer?
„Es geht mir gut“ ist ein schmaler, psychologisch, kluger Roman über Ehe, Selbsttäuschung und die kleinen Wendungen eines Lebens. Jessica Anthony erzählt ihn mit trockenem Humor und feiner Beobachtungsgabe.



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