„Geh raus Schatz und leb mal wieder“
Anika Decker, bekannt für ihre Drehbücher zu populären romantischen Komödien, bleibt auch in ihrem Roman Zwei vernünftige Erwachsene die sich einmal nackt gesehen haben“ dem Genre der Beziehungsgeschichte treu, erweitert es jedoch um eine gesellschaftlich scharf gestellte, erstaunlich bittere Dimension.
Was als turbulente Alltagsgeschichte beginnt, entwickelt sich zu einem vielschichtigen Roman über Liebe, Machtmissbrauch, Verletzlichkeit und die langen Schatten familiärer Prägungen.
Im Zentrum steht Nina, fünfzig und geschieden.
Gleich zu Beginn stellt sie eine Frage, die provokant daherkommt und die den Grundton des Romans setzt: Warum gibt es eigentlich kein Aufklärungsgespräch vor der Ehe, idealerweise gleich im Brautmodengeschäft?
Eines, das nüchtern über Eheverträge, Grundbucheinträge und die reale Ökonomie der Liebe informiert. Nina hat auf all das nicht geachtet und wurde von der großbürgerlichen Grunewald-Villa in eine kleine Wohnung im Wedding down gegradet.
Nun versucht sie, sich mit einem schlecht bezahlten Job als Produktionsassistentin über Wasser zu halten.
Decker erzählt diese Geschichte mit feinem, oft sehr treffsicherem sarkastischem Humor, der gelegentlich gefährlich nahe an den Zynismus heranrückt, ohne je die Empathie für ihre Figuren zu verlieren. Alltags- und Familienkonstellationen werden mit großer Lust an der Pointe ausgebreitet, geschlechterspezifische Rollenmuster genüsslich vorgeführt:
Sie macht den Salat, er steht am Grill.
Man lacht und ertappt sich dabei, wie vertraut einem all das ist.
Die Erzählung folgt drei großen Strängen, die sich gegenseitig spiegeln und verstärken. Der erste ist die Liebesgeschichte. Nina lernt David kennen, und zwischen beiden ereignet sich etwas, das man ohne Ironie als magisch bezeichnen kann.
Doch als deutlich wird, dass die zwanzig Jahre Altersunterschied zu Ninas Ungunsten wirken, gerät die Beziehung ins Rutschen. Gesellschaftliche Anerkennung, Verlustangst und mangelnde Selbstliebe, die bereits in Ninas Kindheit angelegt wurde, sickern wie feiner Sand in das vermeintliche Glückgetriebe. Wolke sieben wird durchlässig.
Der zweite Strang verhandelt Ninas berufliche Realität. Sie ist der politisch schärfste Teil des Romans. Es geht um Machtmissbrauch, patriarchale Strukturen und systematische Vertuschung.
Trotz interner Untersuchungen mauert die Firma und arbeitet mit perfiden Methoden daran, sexuelle Übergriffe zu relativieren. Betroffene werden eingeschüchtert und ihre Glaubwürdigkeit zerstört. Frauen, die ohnehin prekär beschäftigt sind, haben kaum eine Chance, sich zu wehren. Hier verlässt der Roman eindeutig die Komfortzone der romantischen Komödie.
Der dritte Erzählstrang führt zurück in die Vergangenheit der Familie und erzählt die Geschichte der Mutter von Nina und ihrer Schwester Lena. Der frühe Tod des Vaters hinterließ eine tiefe Leerstelle. Der Versuch der Mutter, Halt in einer Affäre zu finden, endet in sozialer Ächtung.
Sie verliert ihren Job, die Kontrolle über ihr Leben und freundet sich zu innig mit dem Seelentröster Alkohol an. Die Summe dieser Verluste wirkt bis in die Gegenwart der Töchter hinein und erklärt vieles von dem, was zuvor nur als individuelle Schwäche erschien.
Besonders eindrücklich entfaltet sich der Roman in der Hörbuchfassung, gesprochen von Katja Riemann und Anna Maria Mühe. Beide verleihen den Figuren eine präzise emotionale Kontur und treffen den komödiantischen Ton ebenso wie die dunkleren Unterströmungen.
Ganz ohne Vorbehalte bleibt die Lektüre allerdings nicht. Das Liebesbeben zwischen Nina und David geriet stellenweise zu ausgiebig, das Ende zu eindeutig glücklich.
Doch vielleicht liegt genau darin die Provokation: Warum darf es nicht einmal ein rundes Ende geben? Möglicherweise, weil unsere Lebenswirklichkeit solche Enden selten vorsieht und weil allzu viel Happiness misstrauisch macht.
Zwei vernünftige Erwachsene ist ein unterhaltsamer, kluger und überraschend unbequemer Roman über Freundschaft, Empowerment und Liebe.



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