„Happily“ von Sabrina Orah Mark

„Wie viele Minuten Kindheit haben alle unsere Kinder noch übrig?“ Seite 21

Happily trägt einen Titel, der fröhlich wirkt. Harmlos klingt er und ein wenig märchenhaft.

Doch wie bei vielen Märchen, die sich erst im Rückblick als Zumutung für die kindliche Psyche entpuppen, erweist sich auch dieses Buch als Irritation. Happily verstört und es verlangt Aufmerksamkeit, gedankliche Beweglichkeit und Bereitschaft sich einzulassen.

In 26 Texten entwirft Sabrina Orah Mark eine Lebensgeschichte, die sich nicht erzählen lässt, ohne durch das Märchen zu gehen. Sie zerlegt die vertrauten „Es war einmal“-Erzählungen, schleudert ihre Fragmente in die Gegenwart und setzt sie dort neu zusammen. Was dabei entsteht, eine hochkonzentrierte literarische Praxis, die das Märchen als Erkenntnisinstrument ernst nimmt.

Mark, 1975 geboren und in Brooklyn aufgewachsen, lebt in einer schwarz-jüdischen Patchworkfamilie mit ihrem Mann und zwei Söhnen. Diese biografische Konstellation fungiert nicht als Folklore, sondern als epistemischer Druckpunkt. Jüdisches Leben erscheint in diesen Texten stets unter Spannung: überschattet vom gegenwärtigen Antisemitismus, untrennbar verbunden mit der historisch sedimentierten Erinnerung an den Holocaust. Indem Mark diese Erfahrung in den Märchenraum überführt, verstärkt sie deren Gewicht. Das Historische kippt ins Surreale, ohne an Realität zu verlieren.

Die Texte entstehen aus Brüchen und Rissen. Dem Tod der Großmutter oder der Krebserkrankung der Schwester aber auch einer gescheiterten Liebesbeziehung oder dem Besuch des Holocaust-Museum Yad Vashem.

Märchenfiguren sind bei Mark keine Archetypen, sondern Projektionsflächen: sie sind Mütter und Väter, Kinder, Liebende, Zauberer und immer auch Träger widersprüchlicher Zuschreibungen. Märchen sind, so gelesen, hausgemachte Erzählungen, nach außen gekehrte Innenseiten. Sie operieren doppelt: Sie spiegeln den menschlichen Blick und öffnen zugleich den Raum dahinter. Drei Wünsche, drei Söhne, drei Wege. Eine tote Mutter. Hunger. Hexen, eindeutig gut oder böse. Diese scheinbare Einfachheit ist ihre Radikalität.

Fast nie bleibt Mark bei einer Version. Die Märchen werden variiert, verschoben, zeitgenössisch verzerrt. Wer vor allem die Grimmsche Kanonfassung kennt, staunt über die Elastizität dieser Stoffe. Warum trennt bei Rotkäppchen ein dunkler Wald Großmutter und Enkelkind? Warum schnitzt Geppetto eine so widerspenstige Puppe, dass sie ihn beinahe im Bauch eines Fisches sterben lässt? Warum will die Hexe in Hänsel und Gretel Kinder fressen? Sie, die weibliche Urgroßmutter, am Ende der Fruchtbarkeit? Und was bedeutet Schneewittchens gläserner Sarg, in dem sie alterslos ruht? Der Prinz begehrt nicht die Frau, sondern wünscht den Sarg der Jugend als trügerisches Mittel gegen den Tod.

Nicht jeder Text gibt sich preis. Manche bleiben sperrig, widerständig, hinterlassen auch nach wiederholter Lektüre den bitteren Geschmack des eigenen Unvermögens. Andere hingegen öffnen unvermittelt einen Raum der Erkenntnis. Ein Satz, ein Perspektivwechsel und das Märchen kippt. Besonders Schneewittchen wird so neu lesbar, dass man sich fragt, warum man diese Geschichte je anders verstanden hat.

Zentral ist immer wieder die Mutterfigur: ihr Verhältnis zur eigenen Mutter, ihre Rolle als Mutter in einer feindlichen Welt. Aktuelle Bezüge erscheinen nicht als Kommentar, sondern als existentielle Marker: der Tod von George Floyd, die permanente Angst vor rassistischer Gewalt, die bohrende Frage, ob und wann diese Realität endlich aufhört, sich zu wiederholen.

Die Söhne, Eli und Noah, stehen im Zentrum dieser Sorge. Wie schützt man Kinder in einer Welt, die ihnen strukturell feindlich gegenübersteht? Wie erklärt man diese Welt, ohne sie zu zerstören? Und wie lebt man mit dem nie verstummenden Zweifel an der eigenen Mutterrolle und an der Angemessenheit jeder Entscheidung?

Immer wieder öffnet das Buch Fenster zu jüdischen Mythen und Traditionen. Etwa zur Erzählung vom Engel, der im Mutterleib eine Kerze entzündet, sodass das ungeborene Kind die Welt in ihrer Gesamtheit sieht. Kurz vor der Geburt legt der Engel den Finger zwischen Nase und Mund, eine Furche entsteht, alles wird vergessen. Und doch bleibt etwas zurück, eine Spur, ein Restwissen. Das Wissen der Menschheit über den Tod hinaus?

Vielleicht ist Happily genau das: der Versuch, sich an dieses vergessene Wissen heranzuschreiben.

🐸 Mehr Rezensionen: ,