„Chabos wissen wer der Babo ist…“ S.130
Komik, die nur unterhält, verpufft. Komik, die etwas trägt, bleibt hängen, und genau darin liegt die Kunstfertigkeit von Tobias Kellers Debütroman „Morgens leerer, abends voller”, jetzt im adakia Verlag neu aufgelegt: dass er seine Pointen nie als Selbstzweck setzt, sondern als Ventil für etwas, das ohne den Witz schwer auszuhalten wäre.
Die klassische Komiktheorie kennt dafür einen einfachen Mechanismus, die Inkongruenz, das Aufeinanderprallen zweier Register, die eigentlich nicht zusammengehören.
Keller setzt genau dort an.
Wenn sein Ich-Erzähler Fabian Dreher nach der Einnahme betäubender Blätter mit tauber Zunge sein Bekenntnis zur Verbeamtung vor dem Direktor abzulegen versucht, „Iff verwuche allwes dieses jenes, Herr Wirektor Kaiser. Iff will auf jeden Fall pferbeamtet ferden” (S. 62), dann kollidiert der institutionelle Ernst des Anlasses mit der physischen Komik des Sprechversagens.
Die Pointe entsteht nicht trotz, sondern wegen der Ernsthaftigkeit dessen, was eigentlich gesagt werden soll.
Ähnlich funktioniert die Kontrastformel, mit der Keller seine Schulklasse ausstattet. Ein Lehrer, der zunächst mit hochkultivierter Form gegen Klassenzimmer-Realität antritt, „So, Leute, heute machen wir Haikus” (S. 27), und dabei scheitert, bevor ihm ausgerechnet die Sprache seiner Schüler selbst wieder aufhilft, produziert Komik durch Registerbruch, nicht durch Verlachen.
Es ist ein Unterschied, der den Roman von reiner Klamotte trennt: Gelacht wird über die Situation, nicht über die Figuren, die in ihr stecken. Denen begegnet der Autor äußerst warmherzig.
Strukturell arbeitet der Roman zudem mit einem altbewährten Komikmotor, der Wette. Ein Pakt zwischen zwei ehemaligen Freunden, der Einsatz Lieblingskarre gegen Mittelklassewagen. Dies funktioniert komödiantisch, weil er absurd hohe Einsätze an eine im Grunde bürokratische Petitesse bindet, die Lernstandserhebung. Diese Übertreibung des Verhältnisses zwischen Ursache und Konsequenz ist ein Grundprinzip komischen Erzählens, das schon die Commedia dell’arte kannte und das Keller in ein sehr gegenwärtiges Setting überträgt.
Dass Keller diese Mechanismen so treffsicher bedient, dürfte auch mit seiner eigenen Biografie zusammenhängen. Geboren 1989 irgendwo zwischen Bottrop und Oberhausen, studierte er Germanistik und Pädagogik auf Lehramt an der Ruhr-Universität Bochum und kehrte, wie er selbst sagt, entgegen dem Rat seiner älteren Schwester ins Klassenzimmer zurück, das er als Schüler so gerne verlassen wollte. „Morgens leerer, abends voller” ist sein Debüt, dem später „Kommando Schluckspecht” und „Die Mondpest” folgten.
Wer selbst unterrichtet, kennt die Bruchstellen, aus denen dieser Roman seine Komik zieht, von innen.
Naheliegend ist der Vergleich mit „Fack ju Göhte”, dem erfolgreichsten deutschen Kinofilm seines Jahrzehnts.
Eine literarische Vorlage hatte der Film allerdings nachweislich nicht, gemeinsam ist beiden eher die Herkunft aus demselben Genre, der Problemschul-Komödie, die ihre Energie aus der Reibung zwischen jugendlichem Sprachwitz und institutionellem Ernst zieht.
Keller und Bora Dagtekin schöpfen also nicht aus derselben Quelle, sondern aus demselben Nährboden Schule, es darf laut gelacht werden.
Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar von adakia Verlag zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.



[…] „Dieser Band ist keine späte Gedenkplatte, sondern ein Monsterbrillant aus dem Tiefsee‐Schatz der deutschsprachigen Literatur: 15 Geschichten, die zeigen,…