„Luzifers Roadtrip „ von Alex Flach

„Wo ‚Böse‘ aufhört und ‚Gut‘ beginnt, wird allein im Himmel entschieden.“ (S. 16)

Dieser Satz verrät, dass Moral in Alex Flachs Kosmos um Himmel und Hölle eine Frage der Zuständigkeit ist. Im Oben und Unten gibt es gut funktionierende Verwaltungsapparate, Gott firmiert als CEO und steht ganz oben im Organigramm.

Mit „Luzifers Roadtrip“ setzt der Zürcher Autor fort, was er in „Luzifers Burnout“ begonnen hat. Luzifer lebt, ein Jahr nach den Ereignissen des ersten Bandes, gemeinsam mit Ayla, die aus dem Himmel verstoßen wurde und inzwischen als Chefin der Hölle vorsteht.

Dort hat sie vor allem mit dem Dämmer zu kämpfen, der zentralen Erfindung des Romans. Dieses kleine Gerät macht süchtig und hebt den freien Willen der Verdammten auf, es löscht ihre Erinnerungen, dämpft ihre Gefühle. Beiläufig bemerkt, gleicht es dem Dauerkonsum unseres heutigen Smartphones. Menschen starren schon jetzt apathisch auf blöde KI-Storys, niedliche Katzenfotos und glauben polemischen Halbwahrheiten.

Die Tage in der Hölle sind damit, wie einer der Dämonen bemerkt, eine Abfolge von lustlosem Aufstehen und dem Weg in eine sinnentleerte Arbeit unter einem unfähigen Chef. Die Hölle ist bei Flach nicht der Gegenentwurf zum Alltag, sondern seine Verlängerung ins Ewige. Dann versagt die Technik. Bei einzelnen Verdammten schmoren die Dämmer durch, Erinnerungen fluten zurück, und mit ihnen die Frage, wer eigentlich zu Recht hier unten sitzt.

Zur selben Zeit beschließt Gott, ohne seine Allmacht, wenn auch nicht ohne seine Unsterblichkeit, ein paar Wochen unter seinen Schäfchen auf der Erde zu verbringen. Ausgerechnet Luzifer wählt er als seinen Reisebegleiter. Den Bedenken seiner Erzengel hält er entgegen, dies sei immer noch der Himmel und keine basisdemokratische Hippie-Kommune (S. 33), und geht.

Ein Schöpfer, der mit den Sneakers im Kies scharrt (S. 75), ein Teufel, der ihn auf einen Dayrave schleppt, um ihn aufzuheitern: Die Komik entsteht hier nicht aus der Überzeichnung, sondern aus der Übersetzung des Erhabenen ins Banale. Während Gott und Luzifer unterwegs sind, braut sich in Himmel und Hölle etwas zusammen. Frei nach dem Motto: Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch.

Die Dialoge sind schnell, pointiert, oft bissig, doch unter ihrer Oberfläche arbeitet eine zweite Ebene. Flach legt mit großer Genauigkeit offen, wie aus Halbwahrheiten, Bequemlichkeit und dem Beifall Gleichgesinnter eine Wirklichkeit entsteht, der sich bald niemand mehr entziehen kann. Wie wenig Fantasie es braucht, um darin die Mechanik gegenwärtiger populistischer Mobilisierung zu erkennen, ist grandios gelungen.

„Macht zieht vor allem eines an wie Mist die Fliegen, und das sind Speichellecker“ (S. 301), so Gott. Nicht der Demagoge ist das Problem, sondern der Resonanzraum, den ihm andere bereiten. Gottes Haltung dazu ist konsequent und unbequem: „Der freie Wille bringt Eigenverantwortung mit sich.“ (S. 119)

Dass der Autor, in Zürich als „Mr. Nightlife“ bekannt, als PR-Berater arbeitet, grundiert diese Passagen: Hier schreibt jemand, der weiß, wie Narrative gebaut werden und wie schnell sie sich verselbstständigen.

Was in der Hölle als Pragmatismus durchgeht, erlebt Gott auf der Erde als Befund. Er sieht, wie mit den neuen Technologien die Lügen wachsen, wie Memes das Gespräch ersetzen, wie niemand mehr zuhören will. Sein Vorhaben, mit den Menschen zu sprechen, muss ins Leere laufen, weil sich die Welt ihren Dämmer längst selbst verordnet hat.

Es ist diese Spiegelkonstruktion zwischen Unterwelt und Oberwelt, die den Roman über die bloße Satire hinaushebt.

Der unbestrittene Star des Romans aber ist Souki. Der Sukkubus arbeitet als Sicherheitsberaterin am Höllentor, kann Gedanken lesen und verbringt ihre Tage gern mitten in London, um den Menschen zuzusehen. Im Mittelalter als Hexe verbrannt, landete sie selbst in der Hölle, und diese Biografie macht sie zur Chiffre all jener, die das System falsch einsortiert hat. Sie, die eigentlich als Spionin eingesetzt wird, sucht das Gespräch mit Gott. Sie ist neugierig, verletzlich, unberechenbar, und sie stellt dem Schöpfer die Fragen, die sich kein Erzengel zu stellen wagt.

Flach kennt seine Tradition. Der Teufel, der die Menschen klarer durchschaut als die Himmlischen, reicht von Bulgakows „Der Meister und Margarita“ bis zu Pratchetts und Gaimans „Ein gutes Omen“, in dem Engel und Dämon längst gelernt haben, sich zu arrangieren. Flach holt diese Linie in die Gegenwart, zwischen Clubnächte, Chatverläufe und Konferenzräume, und gönnt sich dabei Momente leiser Zärtlichkeit, etwa in den neckenden Dialogen zwischen Gabriel und Sandalphon, einem schwulen Paar, wie es sie selbstverständlich auch im Himmel gibt (S. 218).

Wie sich der Konflikt entlädt, wer wem vertraut und wer wen verrät, soll hier offenbleiben. Nur so viel: Soukis Frage an Gott, ob sich das Unrecht vergangener Jahrhunderte nicht neu ordnen ließe, bleibt im Raum stehen. Wer entscheidet eigentlich, wo „Böse“ aufhört und „Gut“ beginnt, wenn sich selbst der Himmel irren kann?

Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Th. Gut Verlag zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.


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