„Leblose Gegenstände halten uns oft fest, ohne das wir es bemerken…“ S.57
Bekannt wurde die Autorin Eva Björg Ægisdóttir durch die „Forbidden Iceland”-Reihe um die Kommissarin Elma Jónsdóttir.
„Home Before Dark” ist ein Standalone, dessen Schauplatz ebenfalls Island ist.
Vor zehn Jahren verschwand Marsibils Schwester Kristin spurlos, der Fall wurde nie aufgeklärt. Doch nicht erst seit diesem Ereignis herrscht in der Familie Karvelsdóttir eine Art Vereisung. Eine tiefe Wunde wurde zur Fläche, glatt und unberührbar, eine Verdrängung, die im Sinne des Unheimlichen niemals endgültig ist, sondern nur wartet.
Was darunter weiterarbeitet, benennt der Thriller unverblümt: „Manche Geheimnisse nagen an einem. Sie fressen sich durch den Magen, bis einem übel wird, und kriechen dann weiter in den Kopf, wo sie alles Glück und alle Lebensfreude verschlingen.” (S. 253)
Zehn Jahre Stille, dann ein Brief: Er trifft Marsibil dort, wo die Erinnerung längst nicht mehr Bild, sondern Bruchstück ist, eine Ansammlung nicht zusammenhängender Fragmente zwischen Traum und Wirklichkeit, und zwingt sie zurück an den Ort, den sie mit ihrer Schwester Kristin zuletzt geteilt hat, bevor deren blutverschmierte Jacke das Einzige blieb, was von ihr übrig war.
Dieser Psychothriller erzählt von Kälte, als bestimmendes Strukturprinzip, das sich durch jede Ebene des Textes zieht. Das isländische Städtchen, das schon in seinem Namen, Hvitárreykir, zum Zungenbrecher wird, liegt abseits großer Städte, dem Winter schutzlos ausgesetzt.
Das Elternhaus selbst liegt noch einmal abseits vom Ort, gleichsam doppelt isoliert, und mit ihm eine Hühnerfarm, deren Beschreibung sich jeder Idylle konsequent verweigert: Enge erzeugt hier Aggression, die Tiere hacken aufeinander ein, tragen Geschwüre davon, enden nebenan in der Schlachterei. Diese Ökonomie der Gewalt ist keine Randnotiz, sondern eine Grundierung, die die eigentliche, noch ungesagte Gewalt vorwegnimmt, der nicht nur die Familie ausgesetzt war.
Getragen wird der Thriller von zwei Zeitebenen, zehn Jahre auseinander, und von zwei Stimmen, die ihre Version der Geschichte erzählen. Kristin erzählt aus der Rückschau des Jahres 1967, Marsi aus der Distanz des Jahres 1977.
Diese Doppelperspektive ist mehr als ein erzähltechnisches Arrangement, sie verdoppelt die Uneinigkeit der Erinnerung selbst als Formprinzip, lässt zwei Wahrheiten nebeneinander bestehen, ohne sie zu versöhnen. Erst im Verlauf der Lektüre erschließt sich dieser Aufbau vollständig.
Der Einstieg in diese Konstruktion vollzieht sich zu behäbig, zu zögerlich, so als müsste der Thriller sich selbst erst Vertrauen abringen, bevor er an Tempo zunimmt.
Das Geflecht aus Fäden, die sich lange nicht zusammenfügen lassen, erscheint willkürlich, ohne erkennbare Ordnung.
Erst spät gelingt es der Autorin, diese Fäden zu einem Knoten zu verdichten, mehrere Wendungen, die ineinandergreifen und sich zu einem Bild fügen.
Das Ende überrascht, ohne beliebig zu wirken; es ist die konsequente Kehrseite dessen, was zuvor als Leerstelle angelegt wurde.
Diese Kohärenz stellt sich jedoch erst im Nachhinein her, und sie entschädigt nicht vollständig für den Weg dorthin. Über weite Strecken droht die Struktur sich aufzulösen, neue Teile werden mit spürbarer Schwergängigkeit nachgereicht, mitunter wirkt die Konstruktion bemüht, als würde die Komplexität dem Text von außen aufgezwungen statt aus ihm zu erwachsen.
Auch die Übersetzung aus dem Isländischen bleibt nicht ohne Schwächen. Die Trichotillomanie, der Einfall, hier eine von mehreren Zwangsstörungen einzusetzen, wird in der deutschen Fassung derart zaghaft konturiert, dass ihr diagnostisches Gewicht kaum spürbar wird.
„Home Before Dark” ist in der Tradition des Nordic Noir angelegt, ein Thriller, der seine Wirkung eher im Nachhall entfaltet als im Sog des Lesens selbst.
Rezensionsexemplar, ich teile hier allein meine persönliche Meinung zum Buch.



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