„Gretas Männer“ von Judith Reusch

„Was bleibt im Alter vom eigenen Leben, außer der Erinnerung?“ (S. 11)

Gestellt wird diese Frage von einer Frau, über die seit Jahrzehnten alle reden und die selbst noch nie jemand gefragt hat.

 Gerüchte sind Biografien ohne Autor. 

Greta, 87 Jahre alt und fünfmal verheiratet, existiert in der Familie ihrer Enkelin Jolanda, genannt Lola, nur als Figur aus zweiter Hand: ein Leben, über das alle reden und das niemand kennt. 

Steigern sich Familienfeiern ins Feuchtfröhliche, beginnt zuverlässig einer, über die „Bienenkönigin“ zu tuscheln; das Geraune kippt in üble Nachrede, und Lolas Mutter Marie verlässt den Raum. 

Für Marie war Greta keine Mutter, sondern Hexe und männerverschlingender Vamp. Der Kontakt, nach einem tiefen Zerwürfnis abgebrochen, blieb abgebrochen. 

Was diesen Familienbann löst, ist ein Name. Lola nennt ihre neugeborene Tochter Greta, nach jener Großmutter, die man ihr verschwiegen hat, und auf die Geburtsanzeige hin meldet sich die persona non grata selbst. Judith Reusch macht aus diesem Moment keine Versöhnungsszene, sondern eine Umkehrung der Erzählrechte. Zum ersten Mal spricht diejenige, über die bisher nur gesprochen wurde.

Aufschlussreich ist bereits der Spitzname. Im Bienenstock ist die Königin jene, nach deren Hochzeitsflug die Drohnen sterben. Die Familie hat sich damit eine Metapher zurechtgelegt, die Schuld in Natur verwandelt: Dass Gretas Ehemänner bis auf einen kurz nach der Hochzeit starben, wird zur Wesensaussage über die Frau, nicht zur Geschichte ihrer Verluste. 

Genau an dieser Bruchstelle setzt der Roman an. Hinter der Chiffre tritt eine Frau hervor, deren Leben von Faszination, Liebe und tiefem Mitgefühl durchzogen ist, ebenso aber von Neid, Vorverurteilung und schweren Verlusten. Greta lebt jahrzehntelang mit einer Zuschreibung, die nicht ihre ist.

Das Gespräch zwischen Großmutter und Enkelin öffnet endlich einen Resonanzraum von den Fünfzigerjahren in der schwäbischen Provinz bis in die Gegenwart. 

Reusch erzählt einfühlsam von einem reichen Leben: von außergewöhnlichen Begegnungen, von einer großen Liebe, von einem Begehren, das in beide Richtungen ging. Grundiert wird all das von der Einsicht, dass Schmerz der Preis ist, den zahlt, wer sich wirklich einlässt.

Dahinter steht die Frage, wie viel Toleranz eine Gesellschaft aufzubringen vermag. Was ziemte sich für eine Frau im 20. Jahrhundert? Wie eng waren die Grenzen gesteckt, und wie viel enger noch für Beziehungen jenseits heteronormativer Ordnung? Es waren immer Zeiten, in denen man etwas lassen musste. Dieses Lassen hat in der deutschen Literatur einen Namen, Goethe nannte es Entsagung, und es wirkt kaum zufällig, dass Reusch, 1973 in Polen geboren und 1982 nach Deutschland gekommen, über die Zeitstrukturen in Goethes „Wahlverwandtschaften“ promoviert hat. 

Auch dort stehen Ehen im Zentrum, in denen gesellschaftliche Form und Leidenschaft gegeneinander arbeiten. „Gretas Männer“ ist kein Goethe-Echo, doch der Roman kennt dieselbe Mechanik: Wer die Zeit erzählt, verteilt die Schuld.

Umso deutlicher fällt ein Register auf, das quer zur Figur liegt. Immer wieder schlägt Greta einen entschuldigenden Ton an, als müsse sie im Nachhinein Wiedergutmachung leisten. Das verwässert die Figur einer Frau, die sonst mit erstaunlicher Festigkeit zu ihren Entscheidungen steht, die noch gegen Ende zu einem drastischen Mittel greift, um sich Gehör zu verschaffen. 

Diese Rechtfertigung spricht nicht mit Gretas Stimme. Sie klingt nach einer Abbitte aus der Gegenwart und stammt eher aus der Haltung der Erzählinstanz als aus der Logik der Figur. Gewiss gehört der Zweifel zu jeder Lebensbilanz, und keine Rückschau, die diesen Namen verdient, kommt ohne Selbstbefragung aus. Hier aber verschiebt das Zögern die Gewichte. Greta wird kleiner, als sie war, und ihr Ton verstellt eine Nähe, die ihr Handeln bereits eröffnet hat.

Am Ende steht keine Absolution, sondern ein Resümee aus Gretas eigenem Mund: Schön sei es gewesen, ihr Leben, turbulent und bewegt, und sie bereue nichts. Damit antwortet der Roman auf die Frage seines ersten Satzes. Es bleibt die Erinnerung, aber sie hat nun eine Erzählerin. 

Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom List Verlag zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.

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