„Wer tanzen kann, kann auch stehen.“ S.237
Wir treffen Anton auf der Bühne. Sechzig Jahre alt, und noch hat er es drauf. Der Körper übernimmt, der Kopf leert sich, die Beine tragen ihn durch seinen Tanz, durch seine eigene Choreografie. Es ist sein Element, sein Leben.
Und dann ist es vorbei!
Nach einer gelungenen Vorstellung wird er ersetzt, aufs Altenteil verschoben, und was folgt, ist keine würdige Übergabe, sondern ein Sturz, gleich einer shakespearischen Tragödie, würdig eines König Lear.
Ewald Arenz erzählt in „Fünf Sechs Sieben Acht” (DuMont) von einem Mann in der Ohnmacht des Verdrängtwerdens, und er tut das mit der schwerelosen Präzision, die seine Leser:innen kennen und schätzen.
Der Protagonist Anton schlägt um sich und trifft die, die ihm am nächsten stehen. Sein männlicher Stolz ist angegriffen, sein Selbstbild erschüttert. Er fühlte sich nicht alt, aber jetzt fühlt er sich altgemacht, belächelt, von oben herab betrachtet.
Zu konservativ, zu altmodisch, nicht mehr kompatibel mit einer Welt des Digital Empowerment. Er bleibt, zumindest zunächst, die beleidigte Leberwurst, unreflektiert und wütend.
„Na, vielleicht war es ein Trost, dass heute die Geräte schneller altern als die Menschen.” (S. 55)
Was folgt, ist der Rückzug in die Vergangenheit, ein Muster, das Arenz mit psychologischer Präzision seziert. Anton begibt sich auf die Suche nach seiner ersten großen Liebe, einer Frau, die ihn nach fünf gemeinsamen Jahren ohne Erklärung, ohne Streit, Knall auf Fall verließ.
Doch die eigentliche Suche gilt nicht ihr, sondern einem Trugbild: dem ungelebten Leben, das in der Erinnerung immer aufregender wirkt als das tatsächlich gelebte. Dass er damit seine Ex-Frau Katja verletzt, die sich Zeit ihrer Ehe gegen genau diesen Traum behaupten musste, und auch seine Tochter, die seine egoistischen Lebensentscheidungen zu spüren bekam, registriert er kaum.
Arenz lässt seine Figuren Fehler machen, setzt sie ins Unrecht, ohne sie zu verurteilen. Anton ist schwierig, aber er ist nie unglaubwürdig. Er ist, in seiner Wut, seiner Verblendung und seiner Unfähigkeit, den Schmerz der ihm nahestehenden Frauen zu sehen, ein präzises Porträt patriarchalen Verhaltens, ohne dass der Roman je den Zeigefinger hebt.
Arenz brilliert auch in diesem Roman in seiner schwerelosen Beschreibung von Liebe, Natur und Musik. Er setzt sie in ein wunderbar leichtes Verhältnis zueinander, lässt die Welt durch Antons geschultes Ohr klingen: die eiligen Schritte einer Frau in Stöckelschuhen, das Klackern von Kofferrollen auf Pflastersteinen, die hastigen Schritte eines Mannes. Für Anton ist das keine Kakophonie, sondern Komposition, alles lässt sich in Töne übersetzen, und Töne in Schritte.
Diese Wahrnehmung durchzieht den Roman wie ein Leitmotiv und verleiht ihm eine sinnliche Dichte, die über das Erzählerische hinausgeht.
Dabei schreibt Arenz mit großer Kraft über das, was er am besten kann: den Herbst des Lebens, die Reibung zwischen den Generationen, das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Wie man erst alles von ihnen weiß, ihnen ganz nah ist, und wie sie mit dem Älterwerden Abstand schaffen, bis man plötzlich kaum noch weiß, wer sie sind. Und wie man dennoch nicht aufhören kann, sie zu lieben.
„Fünf Sechs Sieben Acht” ist eine Beschäftigung mit dem Herbst des Lebens und der Frage, was man damit beginnen kann. Lohnt ein Neustart noch, hat man dafür die Kraft, oder verharrt man lieber in Gewohnheiten und dämmert dem Altenteil entgegen?
Arenz gibt keine einfachen Antworten, aber er stellt die Fragen mit einer Wärme und Klarheit, die seine Boomer-Leser:innen sofort wiedererkennen werden.



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