„Frauen im Sanatorium“ von Anna Prizkau

„Die Seele besiegt den Körper immer.“ S.72 

„Erzählen als Therapie, als Täuschung, als Überleben.” So bringt es Marlen Hobrack in der Welt am Sonntag auf den Punkt (14. Dezember 2025), eine Dreiteilung, die eine Diagnose für diese Lektüre anbietet, an dem sich jede der Frauen in Prizkau‘s „Sanatorium der Frauen“ messen lässt. 

Was als Heilung gedacht ist, kippt in Anna Prizkaus Debütroman beständig in die Täuschung ja bisweilen die Selbsttäuschung darüber, die vielleicht die einzige Form ist, in der Überleben hier möglich scheint, an einer Heilung hegt man Zweifel.

Was in der Gruppe wie Trost aussieht, ist oft schon die nächste Geschichte, mit der sich eine Frau vor sich selbst schützt. Das Therapeutische und das Täuschende liegen so eng beieinander, dass sich beides kaum noch trennen lässt, und ob am Ende für eine von ihnen so etwas wie Gesundung steht, bleibt durchgehend offen.

„Die Seele besiegt den Körper immer.” (S. 72), sagt Anna zu David, dem Mitpatienten, dem sie sich anzunähern versucht, und der Satz, hingeworfen wie eine Gewissheit, verrät mehr über die Sprecherin als über ihre These. Wer die Seele zur Siegerin erklärt, hat dem Körper längst die Regie versagt, und wer einen solchen Satz einem Mann entgegenhält, dem man sich nähern will, hat sich im gegenüber erklärt, noch bevor etwas geschehen konnte.

Seit zwei Wochen nimmt Anna jeden Morgen ihre Tabletten, und seitdem redet sie mit einem Flamingo. Pepik, so nennt sie ihn, ein Vogel aus dem Kurpark des Sanatoriums, dem sie anvertraut, was sie dem Therapeuten und den Frauen um sich herum nicht sagen will: die Geschichte einer Emigration, die vor vierundzwanzig Jahren begann und die sich ihr bis heute nicht erschlossen hat.

Eine Aufbruchsgeschichte hätte hier erzählt werden können, aber was bleibt ist eine Geschichte des Verlusts, die keine Chronologie kennt, sondern nur Wiederholungen verschiedenster Sichtweisen.

Zwei der Frauen, die Anna im Sanatorium kennenlernt, tragen dieselbe Bruchstelle in sich. Marijas Version ist radikaler, historischer. Hier haben wir das Trauma des zurückgelassenen Kindes, welches die Mutter verklärt, obwohl auch diese, wie sich andeutet, eine andere, tragisch gestrige Seite hat. 

Ob Marija ihre eigene Tochter liebt, bleibt eine weitere offene Frage, auf die der Roman keine Antwort gibt, nur einen Vexierspiegel hinhält, der je nach Blickwinkel ein anderes Bild zeigt.

Elifs Geschichte erfährt Anna nicht direkt, sondern aus zweiter Hand, aus dem Tagebuch, das Elif ihr bei der Entlassung überlässt. Erst später begreift Anna, dass Elif darin nicht DIE Wahrheit erzählt, sondern ihre eigene, und ob Schuld darauf lastet, ob betrogen und verlassen wurde, was hier der Realität entspricht, lässt sich, wie so vieles in diesem Buch, nicht mehr genau bestimmen.

Katharina hat keine solche Migrationsgeschichte vorzuweisen, und doch verlässt auch sie ein Land. Ihr Trauma kommt aus dem Krieg, aus jenem anderen Ort, den sie als Soldatin betreten und wieder verlassen musste, ohne dass die Rückkehr etwas beendet hätte.

Diese Konstruktion trägt auch die Sprache Prizkaus. Die Zeiten wechseln zwischen Gegenwart und Vergangenheit, die Geschichten der Insassinnen mischen sich mit Annas eigener, bis kaum mehr zu bestimmen ist, wessen Erinnerung gerade spricht. Wer hier Orientierung sucht, verliert sich stattdessen in den vorgeblichen Wahrheiten, verirrt sich in den Gedankenspielen der Erzählerin und entwickelt, kaum anders als sie selbst, eine eigene Paranoia.

Anna beobachtet sich dabei fortwährend selbst, wie durch eine Kamera. Ist Darstellerin des eigenen Lebens und scheint zu echten Gefühlen kaum fähig, außer zu Melancholie, Neid und Wut, und selbst die halten selten lange an. Was bleibt, ist nicht Vertrauen, sondern Abstand, der den Lesenden weit von sich weg hält und kaum eine Annäherung zulässt.

Der Schlüssel zu diesem Text, sofern es ihn überhaupt gibt, lässt sich kaum greifen, eher umkreisen. Auch andernorts in der Kritik war von verschlossenen Türen die Rede, für die niemand den passenden Schlüssel mitbringt. Wie trennt man in einem solchen Text noch die Wahrheit von der Erfindung? 

Wo das Verständnis schwindet, bleibt nur das Folgen der Tonlage selbst. Man durchleidet die Steigerungen, ohne sie vollständig zu entschlüsseln, ganz so, als hörte man eine italienische Oper in Originalsprache. Am Ende bleibt, was am Anfang schon da war, eine ungemütliche atmosphärische Störung, dass Wissen darum, vielleicht etwas Wichtiges verstanden zu haben, nämlich die innere Heimatlosigkeit.

Dieses Buch habe ich selbst gekauft. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.

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