Die Massage

Es braucht erschreckend wenig, um mich bei 38 Grad aus meiner klimatisierten Heim-Höhle in den Glutofen der Stadt zu treiben. Eine WhatsApp reicht.

Meine Freundin schwärmte von einer Gesichtsmassage, gerade frisch empfangen aus den Händen einer ukrainischen Dame. Im Text fielen die Worte Doppelkinn und Weg gleich hintereinander.

Die Dame könne Doppelkinnen zu Leibe rücken. Nun führe ich mit meinem seit Jahren eine ausgesprochen harmonische Beziehung, es hat sich häuslich eingerichtet, sozusagen als Zweitwohnsitz mit Blick aufs Dekolleté. 

Trotz der guten Beziehung mit ihm, musste ich sofort und noch ehe der Gedanke überhaupt Zeit fand, sich zu setzen, einen Termin vereinbaren.

An der Adresse angekommen, klingelte ich. Eine Millisekunde später flog die Tür auf, als hätte jemand schon dahinter gewartet. Ich machte sofort einen Satz rückwärts. Rein prophylaktisch, und nur für den Fall, dass mich die schwarzgekleidete Frau dahinter anspringen oder sonst wie übergriffig werden würde.

Aber mich empfing ein freundliches Lächeln und die leicht maskuline Dame ließ mich ein.

Sie war tatsächlich meine Masseurin. Ohne nennenswerte Worte bugsierte sie mich in ein Hinterzimmer und bat mich auf ihrer Liege Platz zu nehmen.

Dann rückte sie ein grelles Licht über mir zurecht. Das Ding sah aus wie eine OP-Lampe, und ich bekam es leise mit der Angst zu tun. An ein Facelift hatte ich eigentlich nicht gedacht. 

Doch statt eines Skalpells zückte sie ihr Handy und fotografierte mich von schräg unten, jener Perspektive, die selbst Michelangelos David ein Doppelkinn andichtet. “Is gutt für foxher, naxxer Foto.” Ich war verblüfft. So schnell also. Ruck, zuck, Kinn weg?

Sie stellte sanfte Spotify-Musik an und legte los. Und in dem Moment, als sich ihre eisenharten Hände um meinen Hals legten, kam die Erinnerung.

War das nicht dieselbe Freundin, neben der ich in Thailand auf einer Liege lag? Die, die der Masseurin, die bereits auf ihrem Rücken spazieren ging, aufmunternd zurief, sie möge doch bitte fester zutreten? Diese Freundin. Mit der Schmerzgrenze eines Ambosses.

Oh mein Gott. Ich war geliefert, genauer gesagt ausgeliefert. Die Masseurin  gab alles. Presste meinen Kopf zusammen wie eine Melone, deren Reifegrad sie anzweifelte, drückte die Jochbeine in eine ihr genehme Form und zog an meinem Schädel, als wolle sie mir den Hals um zwei Zentimeter verlängern. Ich war ihr Material, wie Knetmasse in ihren Händen. Ein Sauerteig, der endlich mal ordentlich durchgeknetet gehörte. “Du Kopfscherz?” fragte sie. Ich verneinte tapfer. Daraufhin versuchte sie, mein Kinn nach innen zu drücken. Doch ich habe ein starkes Kinn. Es hielt ihren Bemühungen stand wie eine barocke Bausubstanz unter Denkmalschutz.

Irgendwann ließ sie von mir ab und fotografierte ihr Werk erneut. Ich lag ergeben da, dankbar, diesen Angriff überlebt zu haben. “Du überall Wasser, raus muss”, sagte sie, nachdem ich bezahlt hatte.

Raus muss, dachte ich auch, und verschwand schleunigst mit meinem neuen Gummigesicht in die Hitze.

Carola Quint

13.08.2026

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