„Die Katze“ Erzählung von Monika Maron

„Ich neige dazu, hinter den Zufällen in meinem Leben nach einem Sinn zu suchen oder ihnen selbst einen Sinn zu erfinden“ S.46

Monika Marons „Die Katze” verhandelt unter dem Deckmantel einer anekdotischen Erzählung weit größere Themen als einen Katzenbiss. Es geht um Verletzlichkeit, Sterblichkeit und die Frage, wie man im Alter zu einer veränderten Haltung gegenüber Konflikten findet.

Die Erzählung beginnt mit einem Akt der Barmherzigkeit: die Rettung einer verwahrlosten Katze an einem Ostersonntag, und kippt rasch ins Existenzielle. Ein Kratzer, ein Biss, eine geschwollene Hand, die sich binnen Tagen in eine lebensbedrohliche Infektion verwandelt. Was als Randnotiz im Alltag beginnt, zwingt die Erzählerin zu zwei Notoperationen, einmal in Budapest, einmal in der Charité, und stellt ihren gesamten Alltag auf den Kopf.

Bemerkenswert ist, wie Maron diese körperliche Krise nutzt, um über das Älterwerden nachzudenken. Die plötzliche Hilflosigkeit, eine Dose nicht öffnen, sich nicht richtig waschen zu können, wird zur Generalprobe für das, was sie als unausweichlich begreift. Sie beginnt, sich, wie sie schreibt, an das eigene Ableben zu gewöhnen (S. 40), ohne dabei larmoyant zu werden. Ihre Freundin bescheinigt ihr eine neu gewonnene Friedfertigkeit, die sie an ihrer kämpferischen Freundin so noch nicht bemerkt hatte.

Monika Maron, geboren in der DDR, deren erster Roman „Flugasche” nicht erscheinen durfte, erinnert vom Temperament an eine Elke Heidenreich. Auch Maron ist eine streitbare Frau, die gern und oft den Finger in die Wunde legt und Ansichten vertritt, die der allgemeinen Wohlfühlmeinung zuwiderlaufen. So hasst sie Gendersprache und Windkrafträder: „Wenn ich Menschen gernhabe, nehme ich hin, dass sie Windräder für eine Lösung halten oder glauben, das Gendern die Frauen sichtbar macht, so wie sie hinnehmen, dass ich das anders sehe” (S. 47).

Just wegen eines solchen Werks, „Artur Lanz”, reist sie nach Budapest.

In diesem Roman  geht es um Themen wie die Spaltung der Gesellschaft, das Erstarken rechtspopulistischer und autoritärer Denkmuster, Verschwörungsdenken sowie die Anfälligkeit auch gebildeter Menschen für radikale Welterklärungen. 

Sie soll dort beim MCC, Orbáns umstrittener Kaderschmiede, aus dem Buch lesen und anschließend mit einem Professor darüber sprechen. Dass sie diese Einladung annimmt, ohne den politischen Charakter des Ortes in der Erzählung zu hinterfragen, ist bezeichnend. 

Das Mathias Corvinus Collegium zeichnet sich zwar zum einen durch großzügige  Stipendien und Bildungsangebote für junge Talente und ein internationales Netzwerk mit Dozenten und Veranstaltungen aus, ist aber zugleich Orbáns Kaderschmiede für nationalkonservative Eliten. Das MCC ist dem Vorwurf der ideologischen Einseitigkeit und der Untergrabung der Wissenschaftsfreiheit und Förderung illiberaler Narrative ausgesetzt.

Maron mag diesen Ort fachlich für hochwertig halten, doch die fehlende Reflexion darüber, in welchem politischen Umfeld sie sich damit bewegt, bleibt ein blinder Fleck der Erzählung, gerade bei einer Autorin, die sonst selten um ein Urteil verlegen ist.

Maron erzählt, scheinbar unbeabsichtigt ein kleine Geschichte aus ihrem Alltag: „Wenn im Leben nichts Interessantes geschieht, drängen sich die kleinen Begebenheiten, die man sonst am Abend vermutlich schon vergessen hätte, in den Vordergrund und machen sich wichtig” (S. 40). Doch diese Beiläufigkeit ist ihr nicht abzunehmen. 

Sie benutzt die Erzählung für einige Statements und ein lakonisches Fazit mit 

fast philosophischer Konsequenz: „Nur wenige sind es wert, dass man ihnen widerspricht” (S. 48). Das klingt sicher auch etwas von oben herab, wobei man sich tatsächlich seine Kriege aussuchen soll und im Alter lernt, welche Kämpfe sich lohnen.

Am Ende hat diese Geschichte über ein Stück Menschlichkeit gegenüber einem hilflosen Tier jedoch mehr als ein glückliches Happy End. Sie lässt darüber nachdenken, dass ein kleiner Auslöser eine große Wirkung haben kann, dass eine bedeutende Literatin nicht mehr mit geschärfter Axt durch die Welt rennen muss und dass man dankbar sein kann für viele kleine Momente.

Stilistisch macht der vielfach ausgezeichneten Literatin niemand mehr etwas vor. Treffsicher, mit ein wenig Selbstironie und herrlichen altsozialistischen DDR-Ausdrücken wie „Komsomolzenbewusstsein” tränkt sie ihren Text, dessen Schwere sich in der Leichtigkeit versteckt.

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