„Der Schuh“ von Rebecca María Salentin“

Rezensionsexemplar

»Würde ich meine Schuhe chronologisch nebeneinander aufstellen, könnte man meine Persönlichkeitsentwicklung anhand von wechselnden Formen, Farben, Materialien, Stilrichtungen und Funktionen dieser langen Schuhparade nachvollziehen« (S. 8),

schreibt die Autorin Rebecca Maria Salentin und beschreibt über die eigene Schuhsammlung einen Teil der Chronologie, an der sich eine Kulturgeschichte des Schuhwerks entlangarbeitet.

Schuhe sind Archive.

Am Anfang steht ein Kontrast, Salentin träumt als Kind von roten Lackschuhen um wie eine Prinzessin auszusehen. Die Frau, die vierzig Jahre später in Wanderstiefeln die 2700 Kilometer die Strecke von Eisenach bis Budapest, den im Sozialismus einzigen Wanderweg zwischen den Bruderstaaten, schert sich nicht mehr um das Bling, Bling.

Wer Salentins bisheriges Werk kennt, erkennt, erkennt wieder. 

Bereits in „Klub Drushba“ hatte sie diesen Weg nach dem Verlust von Job, Partner und Wohnung beschrieben.

„Der Schuh“ ist insofern kein Fremdkörper in diesem Werk, sondern dessen konsequente Verkleinerung, denn hier steht nicht mehr die zurückgelegte Strecke im Zentrum, sondern das Werkzeug, mit dem sie zurückgelegt wurde.

Von dort aus entfaltet sich das schmale Buch als Kulturgeschichte im Zeitraffer. Salentin nimmt den aufgerichteten Gang der Frühmenschen zum Ausgangspunkt, wandert über die ältesten erhaltenen Schuhfunde, über das Schusterhandwerk und die rahmengenähten Lederschuhe bis zur industriellen Konfektion, ohne dass eine dieser Stationen zur bloßen Aufzählung gerinnt.

Gekonnt geht sie auf kleine Funfact’s am Rande ein. So wurde der Chuck nach Chuck Taylor-benannt und die wilde Blondine Farrah Fawcett machte den Sneaker  durch die Serie „Drei Engel für Charlie“ zum Straßenschuh.

Das Kinderschuhgeschäft der eigenen Jugend wird über die Salamander-Heftchen zur Erinnerung an eine Zeit, in der ein Schuhkauf noch ein Ereignis war. 

Auch die Statusgeschichte des Schuhs, vom Air Jordan über die Doc Martens der Subkultur bis zum Springerstiefel einer ganz anderen, gewaltbereiten Szene, wird nicht additiv aufgezählt, sondern in einen Kontext eingebettet, wem ein Schuh eigentlich zugehört: dem Fuß oder der sozial-politischen Gruppe, die ihn trägt.

Wo das Buch an Schärfe gewinnt, ist im Kapitel, indem über Salentin  ihn nicht als modisches Design, sondern als Machtinstrument des Patriarchats darstellt.

Vom chinesischen Lotusfuß, der Frauen buchstäblich am Weglaufen hinderte, bis zu den roten Heels, die heute an öffentlichen Plätzen zum Gedenken an Femizide aufgestellt werden, zieht sich eine Linie, die ein Sprichwort im Buch unfreiwillig entlarvt: »Man darf einer Frau keine Schuhe kaufen, sonst läuft sie weg« (S. 40). 

Auch Nancy Sinatras nimmt das Schuhwerk als Kampfansage für die eigene Selbstbestimmung. „These Boots Are Made for Walkin’“, ist ein Lied über eine betrogene Frau, die geht.

Selbstermächtigung gab es auch an anderer Stelle. Frauen waren lange Zeit ausgeschlossen von sportlichen Aktivitäten wie dem Marathonlauf, dem Bergsport oder Segeltörns. Begründet wurde dies von Männern über die Angst, Frauen würden dadurch unfruchtbar werden.

Der eigene Weitwanderweg, mit dem das Buch begonnen hat, erscheint rückblickend als Fortsetzung eben jener Rebellion, von der die Märchen längst erzählen, wenn der Schuh dort über Armut und Aufstieg von Aschenputtel entscheidet.

Salentin reiht sich mit „Der Schuh“ in eine kleine, aber wachsende Reihe von Objektgeschichten ein, die u.a. feministische Kulturgeschichte entlang unscheinbarer Gegenstände schreiben (Annabelle Hirschs „Die Dinge. Eine Geschichte der Frauen in 100 Objekten“ oder „Die Puppe“ von Tanja Raich)

Ob eine Archivierung des eigenen Lebens in Schuhen je an ihr Ende kommen kann, solange noch ein Weg vor einem liegt, lässt das Buch klugerweise offen.

Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Residenz Verlag zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.

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