„Bellende Katzen“ von Eka Kurniawan

„Du bist ein frommes Kind. Es wird Zeit zu beten.“ (S. 125)

Zwei Sätze, die keinen Widerspruch zulassen. Eine Feststellung wie ein Befehl, der nicht verhandelbar erscheint. 

Schon hier steht fest, worum es in diesem Roman geht: nicht um Glauben, sondern um die Identität, die ihm übergestülpt wird, in Form von Ritualen, die ihn seiner Kindheit entfremden.

Man erwartet, zu Beginn oder aufgrund des Klappentextes, eine indonesische Version von „So ein Satansbraten“: eine anarchische Attacke auf die Frömmelei der Erwachsenen. Und zunächst scheint es auch so, denn ausgeführt wird sie von einer Jungenbande, die Kackebeutel in Sammeltaxen wirft und betende Alte zu Fall bringt. Sato Reang ist mittendrin, oft sogar ihr Anführer. 

Doch sein Vater, im Dorf respektiert, im eigenen Leben eher gescheitert, hat andere Pläne mit seinem Sohn. Die Beschneidung, die der siebenjährige Junge noch für ein Fest hält, markiert den Bruch: Von nun an muss er ein frommes Kind sein. Erklärt wird ihm dies nicht.

Fünfmal täglich Gottesdienst, abends der Koran, im Fastenmonat der Verzicht von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang.

Erwachsene, so begreift Sato Reang irgendwann, ertragen das Glück von Kindern schlecht. Die Väter, die selbst stehlen, trinken, an ihren eigenen Lehren scheitern, schicken ihre Söhne nachmittags in die Moschee, nicht aus Glauben, sondern aus einem Unbehagen an deren Freiheit. Der Roman verhandelt damit weniger Religion als Macht, Frömmigkeit als Vorwand, Kindheit zu verwalten.

Zwei strafende Ereignisse des Vaters schreiben sich tief in Sato Reang ein. Luft verschafft er sich nur durch Zerstörung, und daran ändert sich auch dann nichts, als das Joch des Vaters von ihm abfällt. 

Genau hier liegt die Enttäuschung, die sich beim Lesen einstellt: Wo ein radikales Aufbegehren angekündigt war, bleibt ein hündisch anmutender, bewusst überzogener Protest, eine schamlos-hilflose Handlung statt einer Befreiung. Anders als in seinen früheren, für ihren magischen Realismus gerühmten Romanen erzählt Kurniawan hier überzogen und dies lässt den angekündigten Ausbruch verpuffen.

Einziges stilistisches Signal in einem ansonsten geradlinig erzählten Buch ist der Wechsel des Registers zwischen dritter und erster Person. Hier unterbricht die Erzählinstanz sich selbst, um zu fragen, ob Sato Reang je ein frommes Kind gewesen sei, und lässt die Antwort im Ungefähren, als spalte sich die Figur in diesem Moment von sich selbst ab. 

Diese Verschiebung bleibt jedoch die Ausnahme in einem Text, der seine Bruchstellen eher behauptet als ausstellt.

Am Ende kehrt der Satz vom Anfang zurück, nicht mehr als Vorschrift, sondern als Prägung: Wer als Siebenjähriger lernen musste, ein frommes Kind zu sein, trägt die Form dieses Zwangs offenbar weiter, auch dann noch, wenn der Vater längst keine Macht mehr über ihn hat.

Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Unionsverlag zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.

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