„Öffentlicher Nahverkehr“ von Thea Mengeler

Aber Love Stories enden immer da, wo der Alltag anfängt, Seite 33

Judith steigt in einen Bus, nachdem ein intimes Video über sie veröffentlicht wurde, und damit aus ihrem bisherigen Leben zugleich aus. 

Kein überlegter Rückzug, eher eine Flucht, aus einem Beruf, an dem sie Spaß und mit dem sie gut verdient hatte:

Dieses Abtauchen in den öffentlichen Nahverkehrsbus wird im Verlauf der Fahrt zur Bestandsaufnahme. Judith seziert nicht mehr nur sich selbst, sondern die Verhältnisse, in denen sie sich bewegt hat, Kindheit, Schule, Partnerschaft, Social Media.

Diese Rekapitulation verbindet sie mit den Beobachtungen der Mitfahrenden im Bus. An ihren knappen Einzelporträts der Sitznachbarinnen und -nachbarn, tritt eine gesellschaftliche Diagnose offen hervor, die sie am Einzelpersonen festmacht, am Nicnames, die für eine Gruppe von Menschen repräsentieren.

Ehe, Mutterschaft, sexuelle Gewalt werden nicht mehr nur beschrieben, sondern benannt, mit einer Schärfe, die sich zusehends radikalisiert.

Vom vermeintlichen Kompliment der „besseren Hälfte” heißt es knapp: Niemand brauche schließlich eine schlechtere. 

Die Ehe selbst gerät zur Verlustrechnung, reduzierte Erwerbsarbeit, vermehrte Sorgearbeit, Altersarmut als Endpunkt (S. 153), eine Bilanz, die Mengeler nicht behauptet, sondern aufzählt, Posten für Posten, bis die Anklage aus der Aufzählung selbst entsteht. 

Am schärfsten formuliert sich das in dem Passus über die  „heiligen Huren” (S. 198), jener Doppelmoral, die Frauen in Kategorien zwingt, ficken oder heiraten, nie beides, nie weder noch.

Mengeler lässt ihre Erzählerin dabei auf Marina Abramovićs Performance Rhythm O verweisen: ein Raum, in dem das Publikum über einen Frauenkörper verfügen durfte und in dem sich die moralische Bremse binnen Minuten auflöste. 

Sie weitet diese Erfahrung auf den digitalen Raum aus. Durch das kursieren des Videos fielen auch ihr gegenüber alle Schranken, erst sind es nur vereinzelte boshafte Kommentare, dann sexistische Anfeindungen als geschlossene Front. Aus verbalem Terror wird eine regelrechte Jagd. Auch hier fallen moralische Bremsen.

Judith wird zur verfügbaren Fläche, an der sich fremde Grausamkeit ungestraft erprobt.

„Eine Stimme zu haben, hat einen Preis, und nicht alle sind bereit, ihn zu zahlen.” (S. 63)

Ab der Buchmitte verschärft sich der feministische Ton merklich. Was zuvor eher personenbezogen war, steigert sich nun zur Aufdeckungsfigur.

Sie schreibt dem identischem Verhalten je nach zugeschriebenem Geschlecht eine unterschiedliche Bewertung zu, natürlich literarisch verdichtet, nicht empirisch belegt.

„Frauen, die Macht wollen, sind abstoßend. 

Männer, die Macht wollen, sind ambitioniert.“ S. 146

Die Autorin verzichtet konsequent auf Einbettung, sie setzt ihre Behauptungen wie Steilthesen, die ihre Wirkung gerade aus der Kontextlosigkeit ziehen, nicht aus der Begründung. 

Identisches Verhalten, changierend bewertet je nach zugeschriebenem Geschlecht, wird bei ihr nicht erklärt, sondern vorgeführt. Verwandt ist das dem sozialpsychologischen “Heidi/Howard”-Experiment (Flynn/Anderson, Columbia), bei dem identisches Verhalten je nach zugeschriebenem Geschlecht unterschiedlich bewertet wurde. Hier nur eben literarisch verdichtet statt empirisch belegt.

Zur stilistischen Einordnung: Mengeler schreibt sich damit in eine Traditionslinie essayistisch grundierter feministischer Erzählprosa ein, näher an Sanyals assoziativer, oft aphoristischer Volte oder Ohdes schonungsloser Introspektion als an einer bekenntnishaften Ich-Erzählung. Man denkt dabei an Stokowskis diskursive Zuspitzung als an eine erzählerisch vermittelte These, und bleibt Analysewerkzeug bis in die Pointe hinein.

Feminismus, verstanden als jene politische und intellektuelle Bewegung, die von einer historischen wie strukturellen Benachteiligung der Frau ausgeht und deren gesellschaftliche Gleichstellung zum Ziel hat, wird dabei nicht diskursiv verhandelt, sondern literarisch verdichtet.

Öffentlicher Nahverkehr ist bei Mengeler nur im übertragenen Sinn ein Transport zwischen zwei Orten.

Er ist ein Sich-Begegnen zwischen Geschlechtern. Nicht Begegnung auf Augenhöhe ist hier die Regel, sondern eine Machtprobe mit ungleich verteiltem Risiko, das zu einer Art Selbstermächtigung aufruft.

„Was vermisst Du an deinem Leben?“ S. 216

Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar von Wallstein Verlag zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.

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