„Frau Boomer badet nackt“ von Tanja Samson

„Vergleichen macht immer unglücklich. Seite 142 

Tanja Samsons Roman „Frau Boomer badet nackt“ (hansanord, 2026) knüpft, das verraten schon die Figurennamen, an ihr Debüt „Von wegen Boomer“ an.

Im Zentrum steht diesmal Vera, kurz vor der Fünfzig, deren Plan für den zweiten Lebensabschnitt jäh unterbrochen wird, als ein gleichaltriger Kollege an einem Herzinfarkt stirbt. 

Der Tod, den Samson nicht auserzählt, sondern als bloßen Auslöser einsetzt, wird zur Initialzündung: Vera beschließt, sich dem Trend der Langlebigkeit zu verschreiben, mit allem, was das an Ernährungsumstellung und Fitnessvorsätzen mit sich bringt.

Der Körper altert. Über die Art und Weise, diesen Prozess zumindest zeitweise aufzuhalten, herrscht zwischen den Generationen keine Einigkeit. Und so wird der Körper zum Familienthema.

Tochter Flora unterzieht sich einer Botoxbehandlung, frei nach dem Motto: „Wehret den Anfängen“. Mutter Vera selbst kämpft mit Wechseljahresbeschwerden und Gewichtszunahme, während Ehemann Ferdi, eine überstandene Midlife-Crisis im Rücken, sich dem Optimierungswahn seiner Frau lieber entzieht.

Sogar innerhalb einer Generation und unter besten Freundinnen besteht kaum Einigkeit. Soll man sich der Schönheitsindustrie überantworten oder sein Heil in Sport und Diät suchen?

Seine Zuspitzung erfährt der Roman durch den Umgang der Firma mit Vera und der Altersproblematik. 

Plötzlich wird ihr nichts mehr zugetraut, und ein wichtiges Projekt landet in den Händen einer zwanzigjährigen Praktikantin. Erst nach einem Beinahe-Desaster wird allen Beteiligten klar, dass auch Erfahrung und Empathie Werte sind, die nicht vergreisen.  

Der Roman erfasst den Zeitgeist. Er handelt von Bodyshaming, von Selbstoptimierung und von Frauen unterschiedlichen Alters, die ihre Positionen zu diesen und weiteren gesellschaftlichen Themen beziehen, vertreten und voneinander lernen.

Es ist nicht die psychologische Tiefenschärfe der Figuren, die den Text trägt, sondern der Wiedererkennungswert ihrer Konflikte, die man aus der eigenen Lebenserfahrung abrufen kann.

Genre-technisch bewegt sich der Roman auf dem vertrauten Terrain des Feelgood-Romans. Dieser verhandelt seinen ernsteren Kern, hier Furcht vor Krankheit, Alter, Unsichtbarkeit und fluidem Selbstbild, optimistisch und ohne Umwege in existenzielle Tiefe.

Samson, die vor ihrer Autorinnenlaufbahn als Trainerin und Coach gearbeitet hat, überträgt diese Prägung unmittelbar auf den Stoff: Der betriebliche Health Day ist so gesehen nur die konsequente Fortsetzung einer Coaching-Kultur, die sich längst in den privaten Alltag hineingeschrieben hat.

Dass ausgerechnet das Nacktbaden, das Teil des Titels ist, den größten Trouble auslöst und eine kleine Feminismusdebatte anschließt, passt zu diesem Bild: Der Körper, der verhandelt werden soll, wird hier buchstäblich unverhüllt gezeigt und führt zur Diskussion, wer sich wann und vor wem zeigen darf, und ob überhaupt ein Recht besteht, darüber zu bestimmen.

Wie viel Selbstoptimierung verträgt ein Leben, ohne dass die Lebensfreude baden geht? Eine Antwort liefert die Protagonistin selbst, wenn sie feststellt: „Optik ist ein trügerischer Wert auf dem Weg zum Glück“ (S. 212).

Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar von der Schriftstellerin Tanja Samson und dem Verlag hansanord zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.

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