„Das Leben ist ein Aktivurlaub.“ S. 216
Udo Lindenberg ist gerade achtzig geworden. Und wer könnte das besser feiern als jener Mann, der seit einem Vierteljahrhundert sein Freund und sein genauester Beobachter ist? Benjamin von Stuckrad-Barre, 1975 in Bremen geboren, einst Enfant terrible der deutschen Popliteratur, hat mit „Udo Fröhliche“ kein gewöhnliches Porträt vorgelegt. Das Buch erschien erstmals 2016 in einer Art inoffizieller Auflage, war rasch vergriffen und nie regulär im Handel. Nun, zum runden Geburtstag des Panikrockers, hat Stuckrad-Barre es überarbeitet und bei Kiepenheuer & Witsch neu herausgebracht.
Entstanden ist dabei ein Werk, das sich zwischen Hommage, Enthüllung und literarischer Wortakrobatik bewegt, ohne je in die Falle der ehrfürchtigen Jubiläumsschrift zu tappen.
Das Prinzip des Buches ist dem Sujet angemessen: kein lineares Nacherzählen eines Lebens, sondern ein Alphabet. Von Alkohol bis Zigarre buchstabiert Stuckrad-Barre das Lindenberg-Universum in kurzen, anekdotischen Sequenzen, die weniger Biografie sind als Charakterstudie in Splittern.
Das Udoversum, wie man es nennen könnte, hat seine eigene Zeitrechnung. Wer dort lebt, ist um 19:30 Uhr langsam bereit für sein Frühstück. Wer ihn besucht, bekommt, wie Stuckrad-Barre es formuliert, unweigerlich einen Udo-Jetlag. Und wer in einem Nachmittag im Hotel Atlantic auf eine spontane Begegnung hofft, wartet vergebens. Doch, wie es im Buch heißt: „Das Atlantic wohnt bei Udo” (S. 111). Der Mann ist überall, auch wo er gerade nicht ist.
Stuckrad-Barre schreibt aus großer Nähe. Das sieht man ihm, anders als dem ewig jugendlich erhaltenen Dorian Gray, buchstäblich an: ein Gesicht, dem das gemeinsam durchgezogene Leben eingegraben ist, inklusive aller weltverbessernden Substanzen.
Doch gerade diese Intimkenntnis ist es, die dem Buch seine Qualität sichert. Der Autor weiß nicht nur, was Udo sagt und tut. Er weiß, wie er denkt, wie er spricht, wie er das Absurde zur Regel erhebt.
So beschreibt er mit feucht-ironischem Blick den Suff seines Freundes, der ihn zum „heiligsten Trinker Hamburgs” macht, „an den sogar ein Hans Albers nicht herankommt” und der 4,7 Promille überlebte, um sich an seinem sechzigsten Geburtstag von Lady Whisky zu verabschieden, nie aber vom Eierlikör.
Das Zitat, das dabei unwiderstehlich auftaucht, ist bezeichnend in seiner schlichten Offenheit: „Ehrlich gesagt, feiern ohne Alk? Hab ich nie gelernt.” (S. 56) Stuckrad-Barre nennt diesen Zustand, mit dem Präzisionshumor, der das gesamte Buch durchzieht, „habituelle Volltrunkenheit” (S. 69). Man hört in diesen Nebensätzen so etwas wie Bewunderung. Es ist kein Verurteilen und kein Glorifizieren, es ist das staunende Aufzeichnen eines Phänomens.
Sein Buch strotzt vor Udoslang, vor jenen originellen Schöpfungen, die Lindenberg der deutschen Sprache hinterlassen hat: die Elli Pirelli, den Rudi Ratlos, den Gerhard Gösebrecht. Alliteration, Binnenreim, Entenhausen-Entlehnung, alles ist erlaubt, solange es klingt. Sich selbst nennt Lindenberg „Dr. Tüddel, ne?”, weil er gern Dinge verlegt. Man liest und hört ihn dabei, diesen nuschelnden Singsang, der einem sofort das Ohr füllt, als säße man mit ihm an der Bar und schaute zu, wie er Glas um Glas leert.
Und sein Worttheater findet in seinen Songtexten eine Heimat.
Er hat dem deutschen Schlager das Heimatschwülstige nach 45 ausgetrieben, mit Rio Reiser eine Gegenkultur geschaffen, indem der den Duktus der Tätergeneration saubergesungen hat.
Auch den Grundstein für den deutschsprachigen Hip-Hop, so die These des Buches, hat Lindenberg gelegt.
Doch Stuckrad-Barre ist kein Hagiograf. Er leuchtet, Spotlight-ehrlich, auch in die dunkleren Ecken: entlarvt, nachtromantisiert, bändelt mit Lindenbergs Alltagsrebellion an, ohne ihn zu entzaubern. Er vergleicht ihn augenzwinkernd mit Obelix, nur dass Udo nicht in einen Zaubertrank gefallen ist, sondern auch als trockener Alkoholiker noch stramm an einen Aktiven erinnert.
Was bleibt, ist die Erkenntnis: Seine größte Erfindung ist er selbst, Udo Lindenberg. Der Querfeldeinpragmatist, der ewig Neugierige, der Trinker, Obermessie, der Freund der Strauchelden und einer, der seine Herkunft nie vergaß.
Um ihn herum hat er das, was andere die größte Selbsthilfegruppe Deutschlands nennen würden, und was er schlicht seine Family nennt (S. 66). Diese dysfunktionale Gemeinschaft, die ihm Langeweile und Sonntagsapathie vertreibt und mit ihm auf dem Drahtseil tanzt.
Stuckrad-Barre ist, man kann es nicht anders sagen, ein ungewöhnlicher Wortbastelkünstler. Dieser Sprachblick ist das eigentliche Herzstück von „Udo Fröhliche“.
Stuckrad-Barre hat mit *Udo Fröhliche* ein Buch geschrieben, das Bewunderung, Intimkenntnis und Liebe für den Menschen und die Kunstfigur Udo vereint, und dabei selbst in den sprachlichen Rang des Porträtierten aufsteigt.
„Wodkaleiche im Kreativitätssiechtum” (S. 130), schreibt er irgendwo, und man weiß nicht mehr, ob das eine Beschreibung oder eine Hommage ist. Wohl beides. Klug, fein ironisch, gespickt mit Udos Wortschöpfungen. Ein ungewöhnlicher Lebensbericht für alle, die mit *Horizont*, *Cello* oder dem *Kometen* aufgewachsen sind und das sind immerhin 3 Generationen.



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